Donald Trump und die Filterblasen der deutschen Medien und des Einzelnen

Als die Vorwahlen in den USA begannen, kritisierte ich die deutschen Medien dafür, dass sie nie von Ted Cruz berichtet hatten, der aber plötzlich die Vorwahl in Iowa gewann. Gestern hat sich entschieden, dass wahrscheinlich Donald Trump nächster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird. Liebe deutsche Medien, wie konnte es dazu kommen?

In den deutschen Medien war eine Linie durchaus vorherrschend: Hillary Clinton ist gut, Donald Trump ist böse (die FAZ stellte das sehr schön untereinander dar). Aber nun entschied sich eine Mehrheit der Wähler in den USA dafür, dass der böse Mann Präsident werden solle. Er wurde in Deutschland dargestellt, als sei er ein Verrückter, der Mann, der Atombomben verwenden werde, eine Person, die nichts tue, als Menschen zu beleidigen. Er sei ein Hassprediger, so auch der deutsche Außenminister. Aber wenn er so fürchterlich sein soll, wieso wurde er dann von so vielen gewählt? Und weshalb schaffte die gute Clinton das nicht? Fehlt da vielleicht etwas in der Berichterstattung? Ist Clinton doch nicht nur toll, Trump doch nicht nur verrückt?

Fefe schreibt: „Noch ein anderer Gedankengang: Die Medien haben praktisch unisono gegen Trump geholzt. Die Zeitungen praktisch alle, die Talk Shows auch fast alle, sogar Fox News wurde vorsichtiger auf den letzten Metern und selbst Glenn Beck fand am Ende, Obama sei gar kein so schlechter Präsident gewesen. Die kombinierte Macht der Medien ist komplett verpufft. Ich schließe daraus, dass die gar keine Macht haben. Dass die sozialen Medien und Filterblasen inzwischen mächtiger sind als die alten Medien. Das ist ein sehr beunruhigender Gedanke für mich.“

Ich habe da noch einen anderen beunruhigenden Gedanken und der hat auch mit den berüchtigten Filterblasen zu tun. Es ist ziemlich offensichtlich, dass wir alle unsere Filterblasen um uns aufbauen. Wir wollen nur hören, was wir hören wollen, und tun alles, damit das der Fall wird. Früher kaufte man eine konservative oder eine linke Zeitung, heute folgt man den passenden Leuten in sozialen Medien.

In der Trump-Clinton-Sache haben viele deutsche Medien anscheinend die gleiche Meinung vertreten und sie drangen somit mit dieser Meinung in vieler Leute Filterblasen ein. Teil des Mediengeschäftes ist aber auch, die Neuigkeiten, die in anderen Medien stehen oder die Agenturen verbreiten, aufzunehmen und wiederzuverwerten. Wie viele Artikel sieht man, in denen sich etwa auf die BILD-Zeitung oder den Rechercheverbund aus NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung berufen wird? Es scheint, dass auch Medien ihre eigenen Filterblasen um sich bilden. Das Ergebnis wäre letztendlich, würde man diesen Gedanken weiterspinnen, dass immer mehr Medien immer häufiger und zu immer mehr Themen die gleiche Meinung vertreten. Und geht man nun davon aus, dass Medien, welcher Art auch immer, der wichtigste Kanal des Einzelnen zu allen Informationen sind, würde auch jeder irgendwann ebenfalls nur noch diese Meinung haben können. Denn wer nur von einer Sache hört, kann zu einer anderen nichts sagen, da er ja gar nichts von dieser anderen wüsste. Sollten die Medien nun, bewusst oder unbewusst, ihre Filterblasen wirklich verschmelzen, entstünde also eine einzige Filterblase für alle, nicht nur die Medien.

Eine Filterblase muss im Übrigen noch weitergedacht werden. Eine Filterblase ist auch eine Echokammer oder zumindest sind diese Konzepte leicht zu verbinden. Sagt A etwas, was B aufnimmt und wiederholt, und liest A nun die Wiederholung von B, so sieht A, dass er anscheinend Recht hat. Nimmt C das von A und B Gesagte auf und wiederholt es, fühlt sich A wiederum bestätigt. As Meinung kehrt zu A zurück und wird durch Bestätigung von B, einer Person, die ähnlich denkt wie A, und vielleicht auch von C, für den das ebenfalls gilt, gefestigt und verhärtet. Da die Filterblase aber Meinungen heraushält, die nicht die eigenen sind, werden letztlich immer nur die eigenen Meinungen wiederholt, immer und immer wieder. Und wenn man Pech hat, merkt man nie, dass nur vielleicht zwei Prozent der Weltbevölkerung diese Meinungen teilen.

Die Filterblasen und Echokammern werden nicht der einzige Grund für Donald Trumps vielleicht überraschenden Wahlerfolg sein, nehme ich an. Aber sie sind der Grund, dass dieser Wahlerfolg, vor allem in Deutschland, überhaupt überraschte. Wenn alle Medien nur Negatives über Trump schrieben, so kam bei allen nur Negatives über ihn an und keiner derer, die ausschließlich diesen (herkömmlichen) Medien und den anderen Trump ablehnenden Zugängen zu Informationen (Privatpersonen über soziale Medien beispielsweise) folgten, erwartete, dass dieser als wahnsinnig Bezeichnete die Wahl gewänne.

Überall in Deutschland wird man nun vom Alptraum hören, fluchen und nicht verstehen, wie Donald Trump gewählt worden sein kann, weil eben nur das verbreitet wurde, was in die Filterblase der deutschen Medien kam und dann auch noch weiter in die Filterblasen der Einzelnen. Aber durch diese doppelte Filterung geht viel verloren.

Ich weiß nicht, ob eine Filterblase der Medien wirklich existiert oder ob sie wirklich stark sein kann. Ich hoffe es nicht, ganz im Gegenteil, aber ich fürchte es. Zweifellos gibt es aber die Filterblasen der Einzelnen und diese sollten zumindest ein wenig aufgebrochen werden. Wer das nicht tut, lebt letztendlich in seiner eigenen Welt, in die nur noch Informationen kommen, die ihm gefallen. Und was bedeutet das?

Würde sich das wie in Nordkorea anfühlen? Der Staat und das System Nordkorea stellen im Grunde ebenfalls eine Filterblase mit integrierter Echokammer dar. Nur die Informationen, die gefallen, erreichen die Leute und werden immer und immer wieder wiederholt, bis auch der letzte Einwohner Nordkoreas überzeugt ist.

Würden wir, gefangen in Filterblasen, aber oft getroffen von Dingen, die einfach gar nicht in unser immer und immer wieder wiederholtes Denken passen, alle depressiv werden und glauben, dass jene Menschen, die für diese Dinge verantwortlich sind, ja dumm und verblendet wären? Die Wahl Trumps würde daraufhin deuten. Sind die Amerikaner denn dumm und verblendet, wenn sie Herrn Trump wählen? Oder sind in Wirklichkeit die Insassen der Echokammern die Dummen und Verblendeten, die das nicht kommen sahen, weil sie einfach nicht hinschauten?

Filterblasen sind gefährlich und das erkenne ich für mich selbst auch sehr stark, denn zumindest auf mich trifft in Bezug auf vieles der letzte Punkt zu. Ich weiß, dass ich Dinge für wichtig erachte, die andere Leute nur zweitrangig nennen. Und das geht sicherlich allen Menschen so. Ich versuche, meine eigene Filterblase selbst zu durchlöchern, so dass auch mir unliebe Dinge an mich herankommen und was dann zu tun ist, ist, zu überlegen, wieso andere Menschen andere Meinungen vertreten oder ebendiese für mich unlieben Dinge verantworten.

Es gibt dabei jedoch ein weiteres Problem. Informationen zu Dingen, die einem wichtig sind, bekommt man aus Quellen, die ihrerseits schon eine Meinung vertreten. Lese ich etwa netzpolitik.org, so muss ich davon ausgehen, dass dort Überwachung kritisiert und der Aspekt der Sicherheit nicht so herausgestellt wird, wie manche CDU-Bundestagsabgeordnete es vielleicht tun würden. Von letzteren aber erhielte ich viele Informationen nicht, die mir netzpolitik.org bieten kann. Es gibt keine unabhängigen Quellen.

Es ist schon oft und von vielen empfohlen worden, viele verschiedene Quellen zu nutzen, viele verschiedene Medien zu konsumieren. Tatsache ist aber, dass dies letztlich kaum möglich ist. Es sind sehr viele Informationen, die vorhandene Zeit ist begrenzt. Aber verschiedene Medien zu nutzen, bedeutet vor allem auch, andere Meinungen zu hören und das ist wohl wirklich das Entscheidende, denn so öffnen sich Filterblasen und vielleicht verhallt so auch das Echo, da es schafft, die Kammer zu verlassen.

Wäre man eher bereit, auch andere Meinungen zu sich durchdringen zu lassen, könnte man sie vielleicht auch nachvollziehen und akzeptieren, zumindest aber tolerieren. Das heißt nicht, dass man sie übernehmen muss, aber man muss begreifen, dass andere Leute andere Meinungen haben, und diese ernst nehmen. So könnte versucht werden, die Gedankengänge des anderen nachzuvollziehen, das Ergebnis, die Meinung des anderen, zu verstehen, und letztlich auch eine Diskussion entideologisiert werden. Harte Kritik kann ja trotzdem geübt, heftige Diskussionen trotzdem geführt werden. Da spricht überhaupt nichts gegen.

Ich bin sehr gespannt, ob andere Leute dies anders sehen und was sie in Bezug auf den Gedanken der Medienfilterblasen zu sagen haben. Vielleicht sind meine Gedankengänge ja vollkommen unausgereift. Es soll hier nicht darum gehen, Donald Trump zu loben oder zu kritisieren, es soll um Medien und die Gesellschaft gehen, um das Denken den Einzelnen. Es gibt sicher auch einige Argumente für den Schutz, den die Filterblase einem auch bietet. Vielleicht kann ja jemand einige anführen. Ich freue mich darauf.

Jürgen Zurheide und die Kunst des Interviews

Ich habe gerade, fürchte ich, eines der merkwürdigsten Interviews meines Lebens gehört. Jürgen Zurheide vom Deutschlandfunk sprach mit Christian Nestler über die heute stattfindende Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Nestler ist hier nicht viel vorzuwerfen, ganz im Gegenteil, wie sich zeigen wird, aber ich frage mich wirklich, was Zurheide sich bei seinen Äußerungen während dieses Interviews dachte. Der scheint seine Hörer für ziemlich dumm und sich selbst für hochintelligent und allerbestens informiert zu halten.

Der erste Satz Zurheides im direkten Gespräch ist schon wirklich absurd: „Fangen wir zunächst mal an mit Mecklenburg-Vorpommern – ich glaube, das ist nicht böse, wenn ich jetzt frage, das Land ist ja nicht so bekannt […]“. Das mag, bis dahin, nicht böse sein, aber komisch. Mecklenburg-Vorpommern soll nicht bekannt sein? Unter welchen Personen? Jeder Deutsche, der über sechs Jahre alt ist, wird ja wohl mal von Mecklenburg-Vorpommern gehört haben! Und für einen Bolivier wird das Bundesland auch nicht unbekannter als Brandenburg sein. Dämliche Aussage, aber „böse“, zumindest leicht sarkastisch oder zynisch, wird Zurheide erst danach: „[W]enn ich es jetzt in der Kurzfassung sage: landschaftlich reizvoll, aber wirtschaftlich eher schwach, eine Menge Einwohner verloren, früher mal zwei Millionen, jetzt nur noch 1,6 Millionen. Was habe ich vergessen?“ Nestler stimmt den zu, betont aber auch, „dass die Arbeitslosigkeit sukzessive zurückgeht, und in den letzten, ich glaube, ein, zwei Jahren hatten wir auch wieder einen Wanderungsgewinn.“

Zurheide möchte das aber gar nicht hören: „Kommen wir auf das – Sie haben es jetzt gerade schon angesprochen –, was eigentlich in den letzten 25 Jahren, also nach der Wende, passiert ist. Kann man das noch etwas präziser zusammenfassen?“ Was soll Nestler präziser zusammenfassen und wie? So „präzise“, wie sie es taten, Herr Zurheide?

Nestler gibt sich Mühe, spricht von Politik und Wirtschaft – und plötzlich scheint ein Schnitt stattgefunden zu haben, denn man hört wieder Zurheide: „Christian Nestler, Universität Rostock – Herr Nestler, wir waren gerade dabei zu sagen, was sich eben in den letzten 25 Jahren verändert hat.“ Ich habe das Interview nicht im Radio gehört, sondern nur als Podcast, also kenne ich den Hintergrund des Schnitts, vielleicht wurden zwei Telefonate geführt, nicht, aber er wirkt schon sehr komisch. Zurheide versucht, das Thema wieder aufzunehmen, was wiederum komisch klingt: „Sie hatten gesagt, ja, im Tourismus hat sich einiges bewegt, und inzwischen kommen auch wieder mehr Menschen. Jetzt sind Sie dran, bitte schön.“ Wäre ich Herr Nestler, so hätte ich wohl geantwortet: „Ach, Sie gestatten mir, etwas zu sagen?“ In einem Gespräch, Herr Zurheide, ist es für gewöhnlich nicht nötig, dem anderen zu sagen, dass er jetzt sprechen dürfe. Sie hätten nur eine Pause machen müssen und Herr Nestler hätte sicher gesprochen, wie das ja auch sonst ganz gut funktioniert hat.

Nestler wiederholt, wohl aufgrund der zwei Telefonate, nun, was er in seinem vor dem Schnitt gesprochenen Satz bereits sagte, spricht wieder von Wirtschaftspolitik. Aber Zurheide möchte auch das nicht hören: „Das, was wir gerade besprochen haben – so ist zumindest meine Beobachtung hier aus der Distanz, aus der westlichen Sicht –, spielt das eigentlich weniger eine Rolle.“ Ich sitze hier ja in Nordrhein-Westfalen und nicht am Arsch der Welt wie du, du oller Ossi! Aber: „Ist das richtig oder falsch beobachtet?“ Das ist das, was die Medien seit weit über einem Jahr über ganz Deutschland sagen und jedem Deutschen einzureden versuchen , Zurheide! Worauf wollen Sie wohl hinaus? Natürlich: „Kommen wir auf das, was für die Menschen jetzt bei der Wahl wichtig ist.“ Na, wer kommt drauf? Will da etwa jemand über Flüchtlinge sprechen? Merkt euch das, das wird noch lustig.

Nestler ärgert Herrn Zurheide aber weiter, schenkt Zurheide keine Worte zu dessen Lieblingsthema: „Das ist gleichzeitig richtig und falsch beobachtet.“ Er spricht nun über die Zufriedenheit der Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns, die niedrige Wahlbeteiligung der letzten Landtagswahl, kommt aber letztlich doch nicht umhin, anzuführen, dass Wähler „jetzt offensichtlich ihren Unmut auch an die Wahlurne tragen.“

Und da ist Zurheide glücklich. Und wirkt nicht nur aufgeblasen, sondern richtig dumm: „Und Unmut, da wissen wir alle, was damit gemeint ist, das sind die möglicherweise hohen Ergebnisse der AfD, ohne da jetzt zu viel drüber zu reden – manchmal machen wir das wahrscheinlich auch falsch –, da scheint ja das beherrschende Thema zu sein, wird die AfD vielleicht sogar vor der CDU liegen.“ Mein lieber Herr Zurheide, was ist denn das plötzlich für ein Gestammel? Das ist doch Ihr Lieblingsthema, darüber wollten Sie doch sprechen, nicht wahr? Obwohl Sie merken, dass das bescheuert ist. Sie und so viele andere Medien machen das nämlich nicht „manchmal“ sondern, wie schon gesagt, seit einiger Zeit durchgehend falsch! Sie reden da die ganze Zeit „zu viel drüber“. Außerdem ist es absurd, jemandem vorgaukeln zu wollen, dass sie gar nicht über dieses Thema sprechen wollen. Hören Sie sich doch einmal selbst, was sie in dem Interview bisher sagten, um auf die AfD und die Flüchtlinge zu kommen!

Nestler versucht weiterhin, Schadensbegrenzung zu betreiben und merkt an, dass „Geflüchtete, Zuwanderung, Integration“, „was eigentlich seit einem Jahr auch medial beherrschend ist“ (ein feiner und nicht der letzte Seitenhieb), nicht das einzige Thema der AfD ist, sondern sie „sehr viel breitere Themenfacetten präsentiert und halt viele Leute anspricht.“

Zurheide möchte aber mit seinem Wissen prahlen und geht lieber gar nicht auf das von Nestler Angesprochene ein, denn die AfD muss schließlich immer mit Flüchtlingen verbunden werden. Immer. Die darf keine anderen Themen haben. „Die AfD, so lese ich es auch, hat ein Stück weit die Linke als Protestpartei abgelöst – ist das eine richtige Beobachtung?“ Sagen Sie doch mal, Herr Nestler, dass ich Recht habe! Nestler stimmt zu.

Aber, Herr Nestler, „[w]ie ist eigentlich zu erklären, dass in einem Land, wo der Ausländeranteil, ich glaube, unter zwei Prozent liegt, also so niedrig wie in keinem anderen Bundesland, dass dieses Metathema so wichtig ist?“ Ich weiß sogar, wie hoch der Anteil ist, sehen Sie? Ich habe mich auf das Interview vorbereitet, gebe es aber lieber nicht direkt zu und sage lieber „glaube ich“. Und „[a]ls Politikwissenschaftler, haben Sie da eine Erklärung für?“ Sie sind doch auch so schlau! Und nicht nur, weil sie von da aus dem Osten kommen, sondern da sie Politikwissenschaftler sind.

Nestler lässt sich aber nicht abschrecken und sagt das exakt Richtige: Die Medien und das Aufblasen des Flüchtlingsthemas sind schuld. Also Sie, Herr Zurheide. Aber diesmal merkt dieser das nicht. Stattdessen muss er wieder zu Stimmanteilen kommen. Hintergründe sind egal, es geht nur um Einfaches und Vordergründiges: „Und die CDU scheint in diesem Fall ganz besonders zu leiden. Es ist ja eigentlich das Heimatland von Angela Merkel, die ist kein Zugpferd im Moment. Ist das so?“ Ja, Herr Nestler, ist auch das, was man mir vor dem Interview sagte, richtig? Ich bin schlau, oder?

Nestler versucht zu erklären, dass das stimmen mag, aber wir es mit Landespolitik zu tun haben und die Aussagen Caffiers von großer Bedeutung sind, aber was er genau sagt, interessiert Zurheide dann wieder nicht. Die Zeit drängt und „[j]etzt haben wir über die SPD noch gar nicht gesprochen.“ Und dazu weiß ich auch ganz viel! „Der Ministerpräsident ist ja selbst ein Zuwanderer, aber er scheint es ein Stück weit zu ziehen. Es gab schlechtere Umfragewerte: Inzwischen liegt die SPD wieder vorne, schwächer als vorher, aber sie liegt deutlich vorne. Ist das so ähnlich wie in Rheinland-Pfalz – auf den letzten Metern macht es dann der Kandidat, in Rheinland-Pfalz war es die Kandidatin, hier ist es dann möglicherweise der Kandidat?“

Und wieder haut Nestler auf die Medien ein, stellt in seinem letzten Beitrag des Gesprächs noch einmal fest, dass vor allem in den Medien Wahlkampf stattfindet, „maximale Personalisierung für Herrn Sellering“ die SPD-Kampagne ausmachte, dieser aber „in den überregionalen Medien ja durchaus auch eine ambivalente Flüchtlingsposition“ vertrat. Wieder die Medien. Zurheide hat davon genug und beendet das Gespräch. Zum Glück.

Herr Zurheide, das ist, glaube ich, das erste Mal, dass ich etwas von Ihnen höre. Tun Sie immer so schlau? Und würgen Sie, wenn es wichtig wird, immer den Gesprächspartner ab, da sie Relevantes gar nicht hören wollen?

Und, Herr Nestler, Sie haben Recht, mit dem was sie sagen. Das quasi einzig Relevante im Wahlkampf sind die Medien und der Grund für die Stärke der AfD ist das Aufblasen der Flüchtlinge zu einem Riesenthema, das auch noch immer mit der AfD verknüpft wird. Leute wie Herr Zurheide sind schuld und obwohl sie es selbst anscheinend merken, machen sie einfach damit weiter: Aber vielleicht lernen sie es ja auch irgendwann. Erinnern Sie sie bitte weiterhin daran.

„Wer die Verfassung ändert und LDP wählt, ist kein Demokrat!“, sagt Sven Saaler

Michael verwies heute auf einen Text in der Zeitschrift „Internationale Politik und Gesellschaft“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, dessen Titel lautete: „Verfassungsänderung? Is mir egal… Japans politische Apathie könnte sich bitter rächen“. Geschrieben wurde er von Sven Saaler, laut seinem Profil auf der Seite der Zeitschrift „Professor für moderne japanische Geschichte an der Sophia-Universität“ in Toukyou.

Unter der Überschrift, dem Autorennamen und dem Veröffentlichungsdatum prangt ein Bild von vier in einer U-Bahn schlafenden Schülerinnen, das anscheinend ein Symbol für die „politische Apathie“ aus der Überschrift darstellen soll. Nach einem Schul- und Lerntag, wie sie ihn vermutlich hinter sich haben, sähe ich auch so aus und ich stecke sicherlich nicht in politischer Apathie. Was die Bildunterschrift „Roboter mit Senf…is mir egal“ außerdem bedeuten soll, bleibt offen. Ich erkenne zumindest keinen Sinn darin.

Der Text ist datiert auf den 11.07.2016 und beschäftigt sich mit der Sangiin-Wahl vom Vortag und wird damit eingeleitet, dass „die Parteien der regierenden Koalition von Premierminister Shinzo Abe erneut einen deutlichen Sieg errungen“ haben und nun in beiden Parlamentskammern über Zweidrittelmehrheiten verfügen.

Nun widmet sich der Text der relativ geringen Wahlbeteiligung, ohne sie zu nennen (sie scheint 54,69% der Wahlberechtigten betragen zu haben), springt dann aber zu einem Thema, das wohl eines der Hauptthemen des Textes darstellen soll: „Trotz weit verbreiteter Klagen über die Wirtschaftslage und schlechte Indikatoren ist der Wunsch nach einem Politikwechsel offenbar nur schwach ausgeprägt.“ Wieso wählen die da weiterhin die LDP, obwohl das ja anscheinend nichts bringt?

Die „weit verbreiteten Klagen“ haben sich dann einen Satz später auch schon wieder erledigt, denn „[i]n Umfragen vor der Wahl bestätigten mehr als 70 Prozent der Befragten, dass sie selbst keine finanziellen Probleme hätten, während sich nur 24 Prozent kritisch über ihre wirtschaftliche Lage äußerten“.

Nächstes Argument dafür, dass die LDP noch an Stimmen gewann, nämlich dass die Opposition keine Alternative biete, ist noch merkwürdiger untermauert: „Das mag teilweise daran liegen, dass die Oppositionsparteien wenig Gelegenheit hatten, sich im Wahlkampf zu profilieren.“ Wenn der Wahlkampf nicht funktioniert, bietet eine Opposition keine Alternative? Was ist denn das für eine dämliche Begründung?

Angesichts der Tatsache, dass der folgende Satz sogar besonders hervorgehoben ist, muss er wohl auch besonders wichtig sein: „Da eine hohe Wahlbeteiligung eher der Opposition zugute kommt, war die politische Apathie im Vorfeld der Wahl von der rechtsgerichteten Regierung Shinzo Abes bewusst geschürt worden.“ Aha, denkt man sich. Wie denn das? Herr Saaler klärt den Leser auf: „Es gab nur eine einzige offizielle Debatte der Parteivorsitzenden und nur wenige Auftritte der politischen Führungspersönlichkeiten in Fernsehsendungen.“ Debatten der Parteivorsitzenden und Auftritte der Parteioberen sind nämlich das, was politische Apathie verhindert, habe ich das richtig verstanden? Das einzig Relevante ist das, was die Parteiführer sagen?

1. Herr Saaler, Sie scheinen ja in Japan zu leben und vielleicht bekommt man dort nicht soviel von ihr mit (ich hatte damit aber während meiner Zeit in Japan keine Probleme), aber haben Sie in den letzten 11 Jahren einmal etwas Inhaltsreiches von Frau Merkel gehört? Ich nicht. Und das ist es, was politische Apathie fördert. Wenn da etwas gesagt wird, das keinen Inhalt hat.

2. Wieso führen Sie, Herr Saaler, eigentlich nur die „offizielle[n] Debatte[n] der Parteiführer“ an? Das ist sicher nicht das Einzige, was in den Medien stattfand und somit zur Bevölkerung getragen wurde, oder? Wahlkampf verläuft vielmehr indirekt in den Nachrichten. Gab es eigentlich noch weitere Debatten der Parteivorsitzenden, die nicht offiziell waren? Gab es eigentlich noch weitere Debatten, an denen nicht die Parteivorsitzenden beteiligt waren? Wären die nicht auch eine Erwähnung wert?

Aber es geht noch weiter: „Die Hauptnachrichtensendung des staatlichen Senders NHK, seit Jahren unter wachsender Kontrolle der Regierung, verzichtete zwei Tage vor der Wahl vollständig auf Berichterstattung darüber.“ Das ist der direkt auf das letzte Zitat folgende Satz. NHK berichtet in der Hauptnachrichtensendung zwei Tage vor der Wahl, also am 08.07., nicht von der einzigen offiziellen Debatte der Parteivorsitzenden und den Auftritten politischer Führer in Fernsehsendungen. Ja, wieso denn auch? Oder wurde an diesem Tag nicht von der bevorstehenden Wahl berichtet? Ja, wieso denn auch? Sie hatte ja noch nicht stattgefunden!

Einen Beleg, wieso „eine hohe Wahlbeteiligung eher der Opposition zugute“ kommen soll, habe ich im Übrigen noch immer nicht erhalten und ich wage diese These auch zu bezweifeln.

Der folgende Absatz liest sich auf den ersten Blick wie eine Aneinanderreihung von Fakten, aber tatsächlich ist da auch einiges komisch. Saaler zählt nun auf, dass die LDP nun 121 Sitze, die Koumeitou 24 Sitze und weitere Parteien, die für eine Verfassungsänderung sind, 15 Sitze errangen. Wer diese kleineren Parteien sind, erfährt man nicht, dafür liest man aber von den schon seit einiger Zeit in der Marginalität verschwundenen Sozialdemokraten, die nur noch zwei Mandate erringen konnten (auch nur prozentual deutlich weniger als vorher). Ziemlich lustig ist auch, dass Saaler schreibt: „Die oppositionelle Demokratische Partei verlor demgegenüber Sitze und verfügt nurmehr über 49 (ein Verlust von elf Sitzen).“ Was ist daran lustig? Die „Demokratische Partei“ (民主党; Minsyuutou) gibt es seit März nicht mehr, da sie mit der Isin no Tou fusioniert hat und so die „Demokratisch-Progressive Erneuerungspartei“ (民進党; Minsintou) entstand, was aber Herrn Saaler entgangen zu sein scheint.

Ob man Herrn Saaler für den sich anschließenden Absatz kritisieren will, sei jedem selbst überlassen. Die merkwürdige Gegenargumentation gegen eine LDP-Aussage, die Kritik an Politik „ohne Rücksicht auf Kritik von der Opposition oder Großdemonstrationen der Bevölkerung“ geben zumindest Anlass, das Wissen Herrn Saalers anzuzweifeln, denn Letzteres ist vielerorts üblich, es sei etwa auf das Thema TTIP verwiesen.

„All dies [Inhalte eines Verfassungsentwurfs des LDP von 2012] ist in der japanischen Gesellschaft heftig umstritten, wurde aber im Wahlkampf kaum thematisiert, entsprechende Diskussionen vielmehr bewusst vermieden.“ Das ist der erste Satz des nächsten Absatzes. Ich verweise auf andere Textpassagen, um mit Saalers eigenen Worten dagegen zu halten: „In diesem Jahr kam der Wahl allerdings große Bedeutung zu, da es um die Zweidrittelmehrheit für die Regierung Abe und seine Liberaldemokratische Partei (LDP) ging. Eine Zweidrittelmehrheit ist notwendig, um eine Revision der Verfassung einzuleiten, die dann in einer Volksabstimmung bestätigt werden muss“ oder „allerdings ist weithin bekannt, dass der Parteivorsitzende Shinzo Abe seit Jahrzehnten die Verfassungsrevision als Kernstück der ‚Befreiung Japans vom Nachkriegsregime‘ propagiert und Lobbygruppen unterstützt, die sich diesem Ziel verschrieben haben“. Auch zwei Absätze weiter findet man einen wiederum von Saaler selbst gebrachten Gegenbeweis: „Ob die Diskussion über die zukünftige Form der Verfassung weiterhin so offen geführt wird wie bisher, ist fraglich“.

Dräuend muss Saaler nun enden: „All das verheißt nichts Gutes für die Zukunft der Demokratie in Japan. Ein Erwachen breiterer Teile der Bevölkerung aus der politischen Apathie erscheint angesichts der geringen Konfrontationsbereitschaft der Medien unwahrscheinlich. Die entscheidende Frage für Japans Zukunft wird letztlich sein, ob sich ausreichend Demokraten finden, die sich bedingungslos für die Bewahrung der Demokratie einsetzen.“ Demokraten, erhebt Euch! Die Verfassung darf nicht geändert werden! Aber die Demokraten scheinen nicht da, sie sind ja apathisch. Und die zukünftigen Vielleicht-Demokraten schlafen im Zug und träumen von Robotern mit Senf. Oder so.

Herr Saaler, was wollen Sie mir mit diesem kruden Text sagen? Ich verstand, dass die Japaner nicht ihre Verfassung ändern dürfen, nicht alle LDP wählen sollen und, wenn sie beides doch tun, keine Demokraten sind, sondern „apathisch“ Politik ignorieren. Ist es das, was sie auszudrücken versuchen?

Ich bin ja auch kein Freund der derzeitigen Regierungskoalition und würde mich nicht über eine Verfassungsänderung nach Geschmack der LDP freuen. Aber legen Sie das ganze doch das nächste Mal mit guten Argumenten dar. Und ohne Fehler.

Mit Religion gegen Religion

KeomaNullZwei verfasste heute Morgen einen Tweet, der zum Denken anregt: „Auf einer Welt, wo Religion die Wurzel allen Übels ist. Warum ist da bei Katastrophen der Hashtag immer „PRAYfor…“?“ Die letzten Tage und Wochen fand man in der Tat Hashtags wie #PrayForNice, #PrayForTurkey, #PrayForSyria und noch einiges mehr. Heute Morgen wird mir nun angezeigt, dass rund 66.000 Tweets den Hashtag #PrayForJapan abgesetzt wurden.

Auch wenn Religion diesmal anscheinend nichts mit der Tat zu tun hatte, ist die Frage dennoch berechtigt. Wieso reagieren so viele Menschen angeblich mit einer religiösen Handlung, einem Gebet, auf Morde oder andere Verbrechen, die aus Religiosität begangen wurden? Und das mehrere hundert Jahre nach der Aufklärung. Und auch in Deutschland; einem Land, in dem rund ein Drittel der Bevölkerung konfessionslos ist und in dem nur fünf Prozent wöchentlich einen Gottesdienst besucht.

Der Hashtag stammt wahrscheinlich wieder aus den USA und dort ist die Anzahl religiöser Menschen, auch prozentual gesehen, deutlich höher. 55% der Bevölkerung bezeichnen sich als „sehr religiös“. Aber das ändert an der Frage nichts.

Man sieht, wie sehr Religion noch immer im Denken vieler verwurzelt ist. Ich persönlich käme nie auf die Idee, für die Toten eines Verbrechens zu beten, aber ich würde allgemein nicht beten. Ich bin auch nicht wirklich im Bilde, was die Gebete bewirken sollen. Sind sie überhaupt für die Toten und was bringen sie ihnen? Sind sie vielleicht für den Täter oder die Familien oder alle zusammen?

Der Ausdruck der eigenen Emotionen, wenn vorhanden, in einem Gebet mag für manche eine normale Reaktion sein. Wenn jemand gestorben ist, wird gebetet. Ginge man von diesem Punkt aus und würde logisch denken, kämen diese Leute aber gar nicht mehr aus dem Beten heraus, denn sicher sterben auf der Welt nahezu minütlich Menschen, Beachtung finden bei den Betenden aber nur die bei Katastrophen ums Leben gekommenden.

Ein anderer Grund mag sein, dass ein Gebet der einzige Weg scheint, den Betroffenen vielleicht irgendwie helfen zu können. Die Menschen in Nizza und in Sagamihara benötigen keine Care-Pakete und man muss auch nicht für sie sammeln, insbesondere nicht, wenn man wirklich den Toten helfen will. Auch Bomben scheinen ja nicht viel zu nützen, ganz im Gegenteil. #PrayForSyria war die Antwort auf ein Bombardement einer Gruppe Zivilisten in Syrien durch die US-amerikanische Luftwaffe selbst. Und wenn einem gar nichts mehr Weltliches einfällt, bleibt einem Gläubigen nur ein Gebet.

Natürlich wird das nicht viel ändern, insbesondere wenn die einzige Handlung einer Person ein Tweet mit einem der genannten Hashtags bleibt. Aber es beruhigt vielleicht einfach das Gewissen. Andere Leute, oder auch die gleichen, unterschreiben Online-Petitionen, die genauso wenig Aussicht auf Erfolg haben.

Diese Beruhigung des Gewissens ist der vielleicht einzige Sinn, den Religion heutzutage in der Welt der Wissenschaft noch hat. Religion muss, mit wenigen Ausnahmen, keine Herrscher mehr legitimieren. Religion muss, mit wenigen Ausnahmen, keine Naturereignisse mehr erklären. Religion muss nur noch die Menschen, auch gegen andere, zusammenhalten und das eigene Gewissen beruhigen. Und das sieht man nun auf beiden Seiten der Katastrophen. Die eine Seite sprengt sich, sich auf Religion berufend, in die Luft und nimmt eine ganze Reihe an Menschen mit. Dies wird als Martyrium bezeichnet; man spricht auch von einem heiligen Krieg. Man tritt zusammen unter der Flagge einer Religion geeint gegen andere auf. Und das letzten Endes nur aufgrund der Annahme, dass der eigene Glaube, der nicht bewiesen werden kann, der Richtige wäre. Die andere Seite tritt zusammen, zumindest vorgeblich, unter der Flagge einer anderen Religion auf und beweint die Tragödien. Die Andersgläubigen wären ja wahnsinnig, wie können diese so etwas tun? Für uns wäre das unvorstellbar.

Viele merken kaum, dass sie unter dieser Religionsstandarte stehen. Sie wollen nur Anteil nehmen oder haben und gehört werden. „Ich habe auch von der Katastrophe gehört, seht ihr?“ Sie nutzen den eigentlich religiösen Hashtag als Trittbrettfahrer und ignorieren die Bedeutung dahinter.

Im Grunde kann mir das alles gleich sein. Sollen die Leute doch auf ihre anscheinend noch immer tief in ihnen verwurzelten Religionen zurückgreifen. Aber das ändert ja nichts. Und wenn sich beide Seiten immer weiter in ihre Religionen zurückziehen, grenzen sie sich gleichzeitig immer weiter voneinander ab und graben sich in ihren Meinungen und Positionen ein.

Aus einigen Ländern hört man doch schon, dass man keine Muslime mehr einlassen möchte. Wer weiß, ob die sich nicht in die Luft sprengen würden? Oft sind das relativ streng christlich geprägte Länder. Und so entsteht langsam eine Spirale des Hasses, die es nun wirklich nicht auch noch braucht; beide Seiten versteifen sich immer mehr. Die Hashtags sind natürlich nur ein Ausdruck, ein Symptom, aber an ihnen kann man doch so einiges ablesen.

Politik wird kompliziert gemacht – Ein Aufruf an irgendwie Desinteressierte

Ich hörte in den letzten Tagen dreimal folgende Aussage: So einfach ist Politik nicht. Politische Themen seien komplex und daher müsse man gut aufpassen.

„Und es ist eben ’nen [sic!] Tick komplizierter und nur indem Sie – “ – „Es ist noch komplizierter, als Sie sagen“, hörte ich heute Abend Nikolaus Blome und Jakob Augstein bei Phoenix diskutieren. Es ging um ein Gespräch zwischen Sigmar Gabriel und einer nicht allzu viel verdienenden Dame, die sich fragte, wieso sie denn noch SPD wählen solle, welches die beiden Journalisten analysierten. Die Dame fragte Gabriel, wieso er denn weiter mit der CDU und der CSU koaliere, wenn die SPD doch in dieser Koalition keine Themen vollumfänglich umsetzen könne. Viel fiel Gabriel nicht ein, er konnte nur auf das verweisen, was die SPD in abgeschwächter Form durchzusetzen vermochte. Aber Politik sei komplizierter hieß es von Augstein und Blome, die Aussagen der Dame würdem an Populismus grenzen und seien eher AfD-nah.

Auch Dr. Johannes Dimroth, Sprecher des Bundesinnenministeriums, den Tilo Jung kürzlich zu Gast bei „Jung & Naiv“ hatte, sprach folgenden Satz aus: „Naja, Politik ist ’n bisschen komplexer […]“. Mittels naiver Fragen schwierige Kommunikationssituationen herbeizuführen, würde „der Komplexität und auch der Seriosität und der Sensibilität der Themen häufig nicht gerecht“ werden.

Bei Ulrich Wilhelm, früherer Regierungssprecher und heutiger Intendant des „Bayerischen Rundfunks“, fiel es mir aber zuerst auf. „Dinge, die objektiv sind, kann man nicht vereinfachen“, sagte er in Bezug auf die Berichterstattung der Medien bei einer Diskussionsrunde. Davon abgesehen, dass man jedes Thema bei der Berichterstattung immer einfacher macht, da nie alle Hintergründe beleuchtet werden (können) und die Aussage daher Unfug ist, reiht sie sich gut bei den obigen Aussagen ein.

Politik ist kompliziert. Das ist richtig. Sie ist kompliziert, sie ist komplex. Politische Themen sind das ebenfalls, auch sensibel. Aber das ist alles auf der Welt. Überhaupt alles. Es ist nicht nur kompliziert zu erklären, wieso die SPD so unbeliebt wurde, warum das schottische Unabhängigkeitsreferendum im Jahre 2014 negativ ausging oder weshalb man Osama bin Laden erschießen lässt, aber Kim Jong-un nicht. Es ist aber auch kompliziert zu erklären, wieso ich anfing, meinen Blog zu betreiben, wie sich Ursula von der Leyen neben ihrer Arbeit der Erziehung von sieben Kindern widmen konnte und auf welche Weise sich die Kartoffel auf der ganzen Welt verbreitete.

Ich zumindest kann die drei letztgenannten Fragen nicht (gut) erklären, denn sie haben alle einen komplexen Hintergrund. Aber ich kann sagen, dass vielen Menschen die Kartoffel gut schmeckt, sie nahrhaft ist und sie in vielen bevölkerten Breiten angebaut werden kann. Das ist doch schon einmal ein Anfang. Ich muss nicht wissen, mit welcher Art von Schiffen sie ihren Weg aus Amerika nach Europa fand. Ich brauche nicht zu wissen, in welchem Jahr die erste Kartoffel auf dem asiatischen Kontinent gepflanzt worden ist. Aber ich kann auch sagen, dass die Unbeliebtheit der SPD mit der sogenannten „Agenda 2010“, ihrem Spitzenpersonal und ihren verkümmerten Positionen zusammenhängt, wiewohl ich nicht sagen kann, wer alles im Parteipräsidium sitzt. Und dennoch kann ich, zumindest für mich, halbwegs erklären, weshalb ich die SPD nicht wählen wollen würde und warum ich da wohl viele Gleichgesinnte habe.

Im Übrigen kann ich zum Beispiel nachschauen, dass eine „von Gonzalo Jiménez de Quesada in die Hochebene von Kolumbien geführte Expedition […] im Jahre 1537 in dem Dorf Sorocotá (in der heutigen Provinz Vélez) die Kartoffel kennen[lernte]“. Das finde ich bei Wikipedia. Und auch das Parteipräsidium der SPD ist nicht schwer zu finden. Dort sitzen zwar Personen, von denen man im Grunde noch nie hörte, denn ich kenne etwa Dietmar Nietan nicht einmal vom Namen, aber ich kann ihn problemlos, wenn auch nicht persönlich, kennenlernen.

Was ich sagen möchte: Politik wird kompliziert gemacht. Und das nicht nur in Worten. Politik wird auch in Taten kompliziert gemacht, ohne dass es notwendig wäre. So macht es scheinbar (und ich meine hier das Wort „scheinbar“) einen Unterschied, ob nun auch bereits in der Überschrift einer Resolution, die im Grunde keinerlei Auswirkungen hat, von einem Völkermord geschrieben wird oder ob das nur im Text der Resolution zu finden ist. Das ist abstrus. Ein Völkermord ist immer ein Völkermord, ob das nun in einer Überschrift steht oder nicht, und es ist gleich, ob nun schon in einer Überschrift zu lesen sei, dass ich meinen Arbeitsplatz verliere, oder ob ich das erst im Text des gleichen Briefes lesen kann.

Aber Politik braucht so einen Unsinn nicht. Und wenn man sich davon löst, ist Politik nicht komplizierter und komplexer als andere Themen. Wie ich zur Kartoffel recherchieren konnte, konnte ich zur SPD recherchieren und habe für beides in etwa die gleiche, sehr kurze, Zeit benötigt. Ich habe keine „ultimative Kenntnis“ (Regierungssprecher Steffen Seibert) zu jedem politischen Thema, nicht einmal zu einem einzigen. Und dennoch diskutiere ich und beschäftige mich mit Politik. Niemand sollte sich von Blödsinn verunsichern lassen. Politik kann interessant sein. Und alles ist komplex. Wer über Feminismus oder Hygiene diskutieren kann, wird auch keine Probleme mit politischen Themen haben. Das verspreche ich. Und hält es irgendwen, der wirklich interessiert an Hygiene oder engagiert im Feminismus ist, davon ab, darüber zu sprechen, wenn ihm jemand sagt, das sei ein ziemlich komplexes Thema? Lasst es euch nicht ausreden, Politik ist nicht komplexer als die Geschichte der Kartoffel.

Twitter und das Podest auf dem Marktplatz

Ich bin nicht Marie Meimberg und bin nicht in der Welt der Sozialen Medien aktiv und mit ihr vertraut wie sie, habe keine Kolumne bei Übermedien. Ich bin nicht Sascha Lobo, kein Internetexperte oder so, der seine Tweets begrenzen musste oder wollte. Ich bin auch kein Stefan Niggemeier und auch kein Fefe, ich bin nicht einmal ein großer Youtuber. Nein, ich bin nur ein Nutzer des Internets, was ich aber immerhin mit all diesen Leuten teile.

Ich bin nicht Marie Meimberg und kann nicht so schön über Soziale Medien schreiben wie sie. Tatsächlich stand ich diesen lange Zeit reserviert, teils ablehnend gegenüber und tue das auch noch immer. Ich nutzte kein Facebook, kein Twitter. Ich brauchte kein Instagram, nicht einmal WhatsApp. Warum? Weil ich meine Daten für meine Daten halte. Niemanden geht es etwas an, welche Telefonnummer ich habe, wo ich wohne. Niemanden hat es zu interessieren, wo ich gerade bin, ob in der Uni, im Urlaub oder beim Wandern. Ich versuche, meine Daten zu schützen. Wirklich.

Ich brauche den ganzen Kram heute immer noch nicht. Und dennoch nutze ich seit bald einem Jahr Twitter (und schon etwas länger Telegram und Threema) und unterhalte nun auch schon eine Weile meinen Blog. Weil ich mich ärgere. Weil ich mich aufrege. Über vieles. Und weil es raus muss. Dringend.

Soziale Medien geben einem die Möglichkeit. Soziale Medien sind ein Marktplatz, auf dem man sein Podest aufstellen und laut schreien kann. Vielleicht steht man dort allein, vielleicht hat man Leute um sich herum, die sich das Geschrei anhören. Ich hatte keine Leute dort stehen, doch nach und nach blieben ein paar stehen und hörten sich an, was ich zu sagen habe. Doch auch, wenn ich auf ewig allein schreien und meine Wut herausbrüllen müsste, würde ich es tun. Denn vielleicht rufe ich ja doch so laut, dass es jemand hört. Und sonst ist es immerhin auch raus.

Twitter ist mein soziales Medium. Ich kann Wut komprimieren und muss keine Facebook-Hassbotschaften aussenden. Twitter ist ein Trichter und es kommt nur das hindurch, was hindurch muss. Und wenn man sich klug anstellt ist das nicht „Scheiße!“, sondern die Ursache oder der Grund, warum etwas Scheiße ist.

Und Twitter ist mein Papier für Spott und Hohn, wovon ich mehr habe, als ich brauche, und was beides auch raus will. Vielleicht, wahrscheinlich ist es auch nur eine Ausdrucksform der Wut oder der Verzweiflung. Zynismus, der sich ausdrückt.

Doch mittlerweile ist Twitter mehr für mich. Twitter ist mein erster Kommunikationskanal für mein #VKritik-Projekt geworden. Ohne Twitter wäre nie etwas davon an die Öffentlichkeit gelangt. Und seit es meinen Blog gibt, wird der von einer Vielzahl von Leuten über Twitter gefunden.

Aber Twitter ist nicht mein Leben und vor allem nicht mein Privatleben. Es geht nach wie vor niemanden etwas an, was ich zum Mittag esse, es geht niemanden an, wo ich mich gerade aufhalte. Twitter ist Teil meines öffentlichen Lebens, mein Weg, über Politik und Medien zu schreiben, die Regierungspressekonferenzen zu kommentieren, Leuten auf indirekte Art mit Aufmerksamkeit zu danken. Und zu kommunizieren. Mit Personen, die ich noch nie traf, aber vielleicht gerne einmal treffen würde.

Twitter ist mein Marktplatz mit meinem kleinen Podest. Dort stehe ich und schreie, wenn ich zürne, wenn mich etwas stört und wenn es raus muss. Wenn ich spotte. Ich muss keine Bilder teilen und vor allem keine Bilder, die sich nach einer Zeit löschen. Ich brauche kein Facebook, um mit Leuten in Kontakt zu bleiben, denn wenn jemand mit mir Kontakt halten will, dann kann der das auch anderweitig schaffen. Dafür brauche ich auch Twitter nicht. Twitter brauche ich so, wie es eben ist. Als Marktplatz.

Dass manche Leute glauben, dass man Abstimmungen proben müsse…

Was eine Abstimmung ist, sollte jedem bekannt sein, aber dass sie ab und an geprobt werden, wird sicher viele Leute überraschen. Und auch ich schüttele jedes Mal wieder den Kopf, wenn ich das Wort „Probeabstimmung“ lese und erst heute stieß ich wieder darauf.

Reiner Haseloff ist heute wiedergewählt worden; er wird also Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt bleiben. Einmal davon abgesehen, dass die Süddeutsche Zeitung versucht zu sagen, dass es peinlich sei, „erst im zweiten Wahlgang“ gewählt zu werden, stürzt sie sich wie wild auf die Neuigkeit, dass es Abgeordnete gab, die nicht mit der Wahl Haseloffs einverstanden waren und denen eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen nicht gefällt. „Abweichler, Abweichler!“, hört man sie schon rufen. Das ist ein gefundenes Fressen, denn wie jeder weiß, ist es äußerst schlimm, nicht wie jeder andere in der Partei zu stimmen.

Aber ich möchte auf etwas anderes hinaus. Die Süddeutsche schreibt nämlich auch: „Unklar ist weiter, welcher Partei oder welchen Parteien die Abweichler des ersten Wahlgangs angehören. SPD und Grüne hatten nach Angaben aus den Fraktionen in Probeabstimmungen kurz vor dem Wahlgang geschlossen für Haseloff gestimmt. Die CDU hatte auf eine Probeabstimmung verzichtet.“ Es ist nicht schlimm, wenn man nicht weiß, was eine Probeabstimmung sein soll. Und ich kann jedem nur beipflichten, dass eine solche Unfug ist.

Was die Süddeutsche hier nämlich meint, sind Abstimmungen in einer Fraktion, im Grunde Vorwahlen, die dazu dienen sollen, zu sehen, ob es böse Abweichler mit eigener Meinung gibt. Was die schlauen Medienleute und Politiker aber natürlich übersehen, ist: Man kann in der Probeabstimmung natürlich ganz anders stimmen als in der eigentlichen Abstimmung. Und das kann verschiedene Gründe haben.

1. Ist die Probeabstimmung eine offene Wahl, wird man als Abweichler erkannt, was üble Auswirkungen haben kann. Man stelle sich vor, eine Schulklasse beschließt mit dem Lehrer zusammen, ein Eis essen zu gehen, und nur einer ist dagegen, sodass auf das Eis verzichtet werden muss. Und selbst, wenn alle anderen ihr Eis trotzdem bekommen, steht derjenige mit der Eisabneigung als Außenseiter dar. „Warum willst du denn kein Eis? Mann!“ Was die Folgen für den armen Kerl sind, kann man sich ausdenken, und in der Politik sieht es ähnlich aus.

2. Ist die Probeabstimmung geheim, so wird, bei Gegenstimmen, versucht, herauszufinden, wer die Abweichler waren. Sie müssen schließlich auf Kurs gebracht werden, damit sich keine von den Medien als peinlich dargestellt werdenden Dinge ereignen. Uneinigkeit in einer Partei rangiert in der Beliebtheitsskala der Bevölkerung dank der Medien ja ungefähr zwischen Kim Jong-un und Hodenkrebs. Auch im Geheimen drohen also Sanktionen und man wäre wieder bei Grund 1.

3. In der Probeabstimmung gegen etwas zu stimmen, hat direkt keine Auswirkungen auf das Ergebnis der eigentlichen Abstimmung. Erst dort bringt es tatsächlich etwas, dagegen zu stimmen. Und stimmt man vorher noch dafür, so erwartet anscheinend auch niemand, dass es in der richtigen Abstimmung anders sein könnte, so dass man unbehelligt seine Meinung in Form der Stimme abgeben kann.

Doch allein die Idee, sich mit der Fraktion in einen Raum zurückzuziehen, und zu fordern, dass jeder einmal seine Stimme so abgebe, wie er es ein paar Stunden später zu machen gedenk, ist schon unsinnig. Was soll das? Und was soll das, wenn die Probeabstimmung geheim ist? Wenn jemand gegen „die Parteilinie“ stimmen will, so wird er das tun, gleich, ob die Wahl schon einmal geprobt wird.

Eine Probe ist dann sinnvoll, wenn man etwas gelernt hat und sich selbst oder andere sich vergewissern möchten, ob man das auch kann. Deshalb gibt es Klausuren, deshalb gibt es Lehrproben, deshalb gibt es Gesellenprüfungen. Wenn Politiker sich aber vergewissern wollen, ob ihre Parteifreunde gelernt haben, die Hand zu heben, dann muss man sich wohl Sorgen um ihren geistigen Zustand machen, nehmen sie doch an, dass das nicht jeder könne. Oder vielleicht muss man sich um den geistigen Zustand aller sorgen, wenn diese Annahme berechtigt wäre. Wer weiß?