Mit Religion gegen Religion

KeomaNullZwei verfasste heute Morgen einen Tweet, der zum Denken anregt: „Auf einer Welt, wo Religion die Wurzel allen Übels ist. Warum ist da bei Katastrophen der Hashtag immer „PRAYfor…“?“ Die letzten Tage und Wochen fand man in der Tat Hashtags wie #PrayForNice, #PrayForTurkey, #PrayForSyria und noch einiges mehr. Heute Morgen wird mir nun angezeigt, dass rund 66.000 Tweets den Hashtag #PrayForJapan abgesetzt wurden.

Auch wenn Religion diesmal anscheinend nichts mit der Tat zu tun hatte, ist die Frage dennoch berechtigt. Wieso reagieren so viele Menschen angeblich mit einer religiösen Handlung, einem Gebet, auf Morde oder andere Verbrechen, die aus Religiosität begangen wurden? Und das mehrere hundert Jahre nach der Aufklärung. Und auch in Deutschland; einem Land, in dem rund ein Drittel der Bevölkerung konfessionslos ist und in dem nur fünf Prozent wöchentlich einen Gottesdienst besucht.

Der Hashtag stammt wahrscheinlich wieder aus den USA und dort ist die Anzahl religiöser Menschen, auch prozentual gesehen, deutlich höher. 55% der Bevölkerung bezeichnen sich als „sehr religiös“. Aber das ändert an der Frage nichts.

Man sieht, wie sehr Religion noch immer im Denken vieler verwurzelt ist. Ich persönlich käme nie auf die Idee, für die Toten eines Verbrechens zu beten, aber ich würde allgemein nicht beten. Ich bin auch nicht wirklich im Bilde, was die Gebete bewirken sollen. Sind sie überhaupt für die Toten und was bringen sie ihnen? Sind sie vielleicht für den Täter oder die Familien oder alle zusammen?

Der Ausdruck der eigenen Emotionen, wenn vorhanden, in einem Gebet mag für manche eine normale Reaktion sein. Wenn jemand gestorben ist, wird gebetet. Ginge man von diesem Punkt aus und würde logisch denken, kämen diese Leute aber gar nicht mehr aus dem Beten heraus, denn sicher sterben auf der Welt nahezu minütlich Menschen, Beachtung finden bei den Betenden aber nur die bei Katastrophen ums Leben gekommenden.

Ein anderer Grund mag sein, dass ein Gebet der einzige Weg scheint, den Betroffenen vielleicht irgendwie helfen zu können. Die Menschen in Nizza und in Sagamihara benötigen keine Care-Pakete und man muss auch nicht für sie sammeln, insbesondere nicht, wenn man wirklich den Toten helfen will. Auch Bomben scheinen ja nicht viel zu nützen, ganz im Gegenteil. #PrayForSyria war die Antwort auf ein Bombardement einer Gruppe Zivilisten in Syrien durch die US-amerikanische Luftwaffe selbst. Und wenn einem gar nichts mehr Weltliches einfällt, bleibt einem Gläubigen nur ein Gebet.

Natürlich wird das nicht viel ändern, insbesondere wenn die einzige Handlung einer Person ein Tweet mit einem der genannten Hashtags bleibt. Aber es beruhigt vielleicht einfach das Gewissen. Andere Leute, oder auch die gleichen, unterschreiben Online-Petitionen, die genauso wenig Aussicht auf Erfolg haben.

Diese Beruhigung des Gewissens ist der vielleicht einzige Sinn, den Religion heutzutage in der Welt der Wissenschaft noch hat. Religion muss, mit wenigen Ausnahmen, keine Herrscher mehr legitimieren. Religion muss, mit wenigen Ausnahmen, keine Naturereignisse mehr erklären. Religion muss nur noch die Menschen, auch gegen andere, zusammenhalten und das eigene Gewissen beruhigen. Und das sieht man nun auf beiden Seiten der Katastrophen. Die eine Seite sprengt sich, sich auf Religion berufend, in die Luft und nimmt eine ganze Reihe an Menschen mit. Dies wird als Martyrium bezeichnet; man spricht auch von einem heiligen Krieg. Man tritt zusammen unter der Flagge einer Religion geeint gegen andere auf. Und das letzten Endes nur aufgrund der Annahme, dass der eigene Glaube, der nicht bewiesen werden kann, der Richtige wäre. Die andere Seite tritt zusammen, zumindest vorgeblich, unter der Flagge einer anderen Religion auf und beweint die Tragödien. Die Andersgläubigen wären ja wahnsinnig, wie können diese so etwas tun? Für uns wäre das unvorstellbar.

Viele merken kaum, dass sie unter dieser Religionsstandarte stehen. Sie wollen nur Anteil nehmen oder haben und gehört werden. „Ich habe auch von der Katastrophe gehört, seht ihr?“ Sie nutzen den eigentlich religiösen Hashtag als Trittbrettfahrer und ignorieren die Bedeutung dahinter.

Im Grunde kann mir das alles gleich sein. Sollen die Leute doch auf ihre anscheinend noch immer tief in ihnen verwurzelten Religionen zurückgreifen. Aber das ändert ja nichts. Und wenn sich beide Seiten immer weiter in ihre Religionen zurückziehen, grenzen sie sich gleichzeitig immer weiter voneinander ab und graben sich in ihren Meinungen und Positionen ein.

Aus einigen Ländern hört man doch schon, dass man keine Muslime mehr einlassen möchte. Wer weiß, ob die sich nicht in die Luft sprengen würden? Oft sind das relativ streng christlich geprägte Länder. Und so entsteht langsam eine Spirale des Hasses, die es nun wirklich nicht auch noch braucht; beide Seiten versteifen sich immer mehr. Die Hashtags sind natürlich nur ein Ausdruck, ein Symptom, aber an ihnen kann man doch so einiges ablesen.

William Gibsons Simstim und die „Virtual Reality“

1984 wurde William Gibsons Werk „Neuromancer“ veröffentlicht, zwei Jahre später folgte „Count Zero“ und nach weiteren zwei Jahren „Mona Lisa Overdrive“, welche zusammen eine locker zusammenhängende Trilogie bilden. Die Werke dieser „Neuromancer“- oder „Sprawl“-Trilogie (das Sprawl stellt eine riesige urbane Region im Osten der USA dar, in welcher ein relativ großer Teil der Handlung stattfindet) gelten zusammen mit dem Film „Blade Runner“ (basierend auf dem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick) oftmals als der Ursprung des Cyberpunk.

Gibson erdachte bereits für „Neuromancer“ die Technologie des Simstim (von „simulated stimuli“), die das Gehirn eines Menschen und dessen Nervensystem solcherart stimuliert, dass dem Anwender simuliert wird, dass er sich im Körper einer anderen Person befindet. Das beschränkt sich dabei nicht nur auf das Sehen, sondern auf alle Sinne. In der „Neuromancer“-Welt hat Simstim das Fernsehen ersetzt. Keiner möchte mehr vor dem Fernseher sitzen und sich Serien anschauen, obwohl er stattdessen in gewisser Weise selbst Teil der Serie sein kann, indem er sich nur Elektroden an den Kopf anzuschließen braucht. Simstim kann somit derart süchtig machen, dass in „Count Zero“ beschrieben ist, dass sich die Mutter eines Protagonisten, Bobby, tatsächlich in den Simstim-Serien verloren hat. In ihrer Freizeit tut sie nichts anderes mehr, als in Serien einzutauchen. Selbstverständlich werden auch andere Unterhaltungsprogramme und Filme jedweder Art mittels Simstim-Technik produziert und die Unterwelt nutzt die Technologie ebenfalls für ihre Zwecke.

Um eine Simstim-Simulation aufzunehmen, wird eine bestimmte Art von Aufnahmegerät benötigt, die ebenfalls über Elektroden die Gehirnströme mittels Software in eine Datei kopiert, die dann vervielfältigt werden kann. Da das System des Simstim aber nur in eine Richtung funktioniert (der Konsument versetzt sich in den Urheber hinein), kann man zwar in das Leben einer anderen Person eindringen, aber nicht deren Handlung bestimmen, denn die andere Person bekommt aufgrund der fehlenden tatsächlichen Verbindung nichts von der „Anwesenheit“ des Fremden mit und kann auch anderweitig nicht von diesem manipuliert werden. Dies ist auch gegeben, wenn die Simstim-Verbindung direkt, quasi „live“ übertragen wird.

In letzter Zeit hört und liest man viel über die sogenannte „Virtual Reality“; ein Begriff, der sogar noch älter ist als das Konzept des Simstim. Damien Broderick erfand ihn für sein 1982 veröffentlichtes Werk „The Judas Mandala“. Vor kurzem wurde ein Bild bekannt, das Mark Zuckerberg, den Gründer der „Social Media“-Plattform „Facebook“ zeigt, wie er an einer großen Menge an Menschen vorbeischreitet, die allesamt „Head-Mounted Displays“ tragen, eine überdimensionierte Brille, die im Grunde Kameraaufnahmen zeigt, jedoch nicht die Aufnahme anderer Sinnesreize durch die Augen erlaubt. Es handelte sich um Displays des Modells „Oculus Rift“, die ein Unternehmen herstellt, welches mittlerweile von Facebook gekauft wurde. Das Bild rief sowohl Spott als auch Begeisterung hervor.

Viele Menschen sehen die „Virtual Reality“ als den Beginn der Zukunft, einen recht poetisch anmutenden Begriff, der aber sicher nicht falsch ist. Schaut man die Tage in die Vereinigten Arabischen Emirate, so stößt man auf den World Drone Prix, ein Drohnenrennen, dem man in der „Virtual Reality“ folgen kann. Dabei verfolgt man das Rennen nicht wie die Formel 1 vor dem Fernseher oder schaut es sich von einer Tribüne aus an, sondern folgt der Drohne selbst mittels Kameras, die Teil der Drohnen sind, als würde man selbst das Rennen bestreiten.

Tatsächlich beeinflusst das Sehen viele Menschen von allen Sinnen am meisten, eine Tatsache, die sich das Konzept der „Virtual Reality“ zunutze macht. Das Gehirn geht oftmals von dem aus, was man sieht, sodass man tatsächlich Teil der anderen, der virtuellen Realität zu werden scheint. Und hier kann man die Parallele zum Simstim ziehen. Die derzeit geschaffene „Virtual Reality“ ist das in der Gegenwart existierende Simstim und vielleicht auch der Vorfahre des irgendwann einmal tatsächlich geschaffenen „echten“. Sie manipuliert das Gehirn nicht so direkt wie das System Gibsons, versetzt den Konsumenten aber ebenfalls in eine andere Rolle, transportiert ihn durch Zeit und Raum.

Es würde mich wundern, wenn die Folgen nicht die gleichen wären. Sobald die Geräte, die die Möglichkeit bieten, in die „Virtual Reality“ einzutauchen, einfacher und günstiger zu erstehen sein werden, sobald vielfältige Programme für die „Virtual Reality“, seien sie nun live oder Aufzeichnungen, existieren, findet sich die Menschheit in diesem Punkt nahe an der „Neuromancer“-Welt. Menschen werden sich in dieser Welt verlieren, wie es auch Bobbys Mutter tut, denn die Möglichkeiten der Unterhaltung mittels „Virtual Reality“ sind enorm. Gibson beschreibt für Simstim bereits einige: Serien, Shows, Filme, Pornographie… Es wird nicht lange dauern, bis die „Virtual Reality“ dies alles erobert hat. Erblühen wird auch ein Markt für Heimvideos im „Virtual Reality“-Format, YouTube und andere Plattformen werden diesen zu schaffen wissen.

Cyberpunk zieht einen besonderen Reiz daraus, eine Dystopie zu zeigen. Ist das Simstim ein Teil davon? Ist die „Virtual Reality“ der Beginn der Dystopie? Das würde sicher nicht jeder so sehen. Es werden neue ethische Fragen aufkommen und große Diskussionen entstehen. Ist es in Ordnung, derart in andere Menschen einzutauchen, wie es möglich sein wird? Wie ist es, wenn die Menschen, durch deren Augen man scheinbar schaut, diese Möglichkeit freiwillig schaffen? Und wenn sie es unfreiwillig tun? Zuckerberg hält die „Virtual Reality“ sicher für großartig. Für ihn ist sie der Beginn der Utopie, einer perfekten Zukunft. Aber er ist auch der, dessen Unternehmen über all die Daten verfügen wird, die aufgezeichnet werden.

Viele halten bereits die Gegenwart für ein eigenes Zeitalter, das digitale Zeitalter. Das Internet hat die Welt vernetzt, Unternehmen wie „Facebook“ und „Google“ (bzw. „Alphabet“) sind es, die dies noch weiter vorantreiben. Und diese schaffen bereits jetzt eine Zeit, die manche als dystopisch, andere als utopisch beschreiben würden. „Virtual Reality“, das Simstim unserer Zeit, wird genauso beurteilt werden, verdammt und gebenedeit, verhasst und geliebt. Aber war das nicht schon immer so? Galt das nicht schon vor 200 Jahren für die Eisenbahn, die heute doch in fast allen Ländern dieser Welt ein Transportmittel für große Teile der Bevölkerung darstellt? Wer weiß, ob es irgendwann tatsächlich Simstim geben sollte und die dann zur Normalität gewordene „Virtual Reality“ verdrängen wird? Auch dieses wird verteufelt und vergöttert werden, so ist das nun einmal. Willkommen in der Zukunft. Wieder einmal.

Drogen töten Menschen und gehören dennoch nicht verboten

Lieber Kim Björn Becker,

vielleicht erinnern Sie sich ja an mich. Vor mittlerweile vier Jahren, wenn ich mich recht entsinne, kurz bevor Sie bei der Süddeutschen Zeitung zu arbeiten begannen, saß ich als Student im ersten Semester bei Ihnen im Pflichttutorium zur Vorlesung „Das politische System der Bundesrepublik Deutschland“.

Nun habe ich gerade Ihren Kommentar auf sueddeutsche.de gelesen. Ihre These ist, und so lautet auch die Überschrift: „Die Risiken von Drogen werden heruntergespielt.“ Der „Umgang mit illegalen Drogen“ sei „zu lax“ und dies gelte „auch für Cannabis“, sagen Sie. Wollen Sie damit eine Forderung nach härteren Maßnahmen, höheren Strafen, strengeren Gesetzen aussprechen? Sie meinen, dass „junge Erwachsene verstärkt mit neuartigen psychoaktiven Substanzen experimentieren, die sie oft als vermeintlich legale Stoffe auf ausländischen Internetseiten beziehen.“ Dies seien gefährliche Drogen. Und weiter?

Sie wissen doch sicher, dass Deutschland ein Betäubungsmittelgesetz hat und dass die Strafen, die auf den Besitz, den Handel und die Einfuhr stehen, mitunter ziemlich hoch sind und bis zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe reichen. Sollen die Sanktionen gegenüber straffällig gewordenen Personen noch erhöht werden, damit der „Umgang mit illegalen Drogen“ weniger lax werde, dass die Bevölkerung besser aufpasse und vorsichtiger handle? Oder soll Ihr Kommentar ein Aufruf an die Bevölkerung selbst sein? „Nehmt keine Drogen, sie sind gefährlich! Auch Cannabis!“

Denn Cannabis, so sagen Sie, sei „vergleichsweise harmlos“ und so werde „gern übersehen, dass [es] als Türöffner für andere Mittel in Wahrheit hochgefährlich ist.“ Sie gehen also davon aus, dass, sollte Cannabis legalisiert werden, viele Konsumenten auch andere Drogen ausprobieren würden. Wie kommen Sie darauf? Cannabis ist eine Droge und Crystal Meth ebenfalls. Das heißt aber nun nicht, dass jedem Kiffer auch Crystal Meth gefiele. Denn sind nicht Rosenkohl und Blumenkohl beides auch Kohlsorten? Letzteren esse ich, ersteren finde ich ziemlich widerlich.

Den „zuletzt enorme[n] Anstieg der Drogentoten um fast ein Fünftel“ führen Sie auf zwei Ursachen zurück. Einerseits sind sie „das Ergebnis jahrelanger Drogenkarrieren“, eine Meinung, die nur schwer von der Hand zu weisen ist. Denn das stimmt. Aber es geht dabei nicht nur um Heroin oder Kokain, sondern auch um Alkohol und Nikotin. An den Folgen des Saufens und des Rauchens sterben nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit im Durchschnitt viel mehr Menschen als an denen anderer Drogen. Und der Besitz, der Handel und auch die Einfuhr von Alkohol und Nikotin sind in Deutschland legal. Als zweite Ursache führen Sie die oben angesprochenen „neuartigen psychoaktiven Substanzen“ an. „Niemand weiß, welche Chemikalien darin enthalten sind – und in Kombination mit Cannabis oder Alkohol ersetzt der pure Zufall den Goldenen Schuss.“ Sie sprechen es selbst aus, sogar zweimal: das ist „der pure Zufall“, ein „verhängnisvolle[r] Zufall“. Ein Zufall, der in Ihren Augen aus einer „Kultur der falschen Offenheit, auch gegenüber unbekannten Präparaten“, entstehen kann. Glauben Sie wirklich, dass der Grund für einen derartigen Anstieg in einem Zufall zu finden ist?

Es sind auch die Drogen selbst, die die Menschen töten, und, wie schon erwähnt, aber hier noch einmal wiederholt, da es keinesfalls vergessen werden darf, gehören auch Nikotin und Alkohol dazu. Hier sollte sich niemand es vormachen. „Man kann es sich nun leicht machen und sagen: selbst schuld“, schreiben Sie. Und das ist meine Meinung. Aber warum mache ich es mir damit leicht? Wenn jemand sich dazu entschließt, Drogen zu nehmen, und dann abhängig wird, ist er nun einmal verantwortlich dafür. Das geht mich als Außenstehender, der einzelne Opfer in überwiegender Zahl nicht kennt, nichts an. Aber wichtig und sinnvoll ist es, den Konsumenten wieder von den Drogen wegzubekommen, wenn er das wünscht. Und hier ist der Punkt, an dem der Staat eingreifen müsste. Schärfere Gesetze werden nicht gebraucht. Mehr Beratungsstellen, mehr Einrichtungen für Entgiftungen und Entzug sind nötig. Und hierfür werden finanzielle Mittel benötigt. Ich kann nun wiederum auch jene verstehen, die hier ebenfalls sagen: „Es sind meine Steuergelder, mit denen die Anlaufstellen für Abhängige finanziert würden, und die Abhängigen gehen mich nichts an, da ich sie gar nicht kenne.“ Aber die Gelder hat der Staat ohnehin bereits und zieht sie weiter ein, gibt sie aber lieber anderweitig aus. Nach wie vor ist der Wehretat zu hoch, für die Bankenrettung wurden viele Milliarden ausgegeben (und mit der Griechenland-„Rettung“ wiederum noch viele mehr eingenommen)…

Eines möchte ich Ihnen aber noch sagen: Ich spreche mich für die Legalisierung für Cannabis aus. Denn: Das geht mich nichts an. Und es geht auch den Staat nichts an. Jeder hat das Recht, zu essen, zu trinken und anderweitig einzunehmen, was immer er wünscht. Das ist Teil der allgemeinen Handlungsfreiheit, die aus Art. 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland abgeleitet wird. Wo ist der Unterschied zwischen Cannabis und Alkohol, zwischen Cannabis und Nikotin im Sinne dieser Freiheit? Und wo ist der Unterschied zwischen Alkohol und Amphetaminen, zwischen Nikotin und Heroin? Ich halte es für falsch, jemanden mittels Gesetz davon abzuhalten, etwas davon einzunehmen. Es geht mich nichts an. Und wer Drogen konsumieren möchte ist eben „selbst schuld“.

Mit freundlichen Grüßen,

Norman

Kulturenvergötterung

In der Japanologie zu Trier erlebe ich ein gewisses Phänomen ziemlich häufig. Vielleicht liegt es gerade an dem Land Japan, aber ich begegne vielen Leuten, die die japanische Kultur und das japanische Leben über alles stellen, geradezu vergöttern und meinen, es ihrerseits auch hier leben zu müssen, wiewohl sie, da sie, wenn überhaupt, nur über einen relativ kurzen Zeitraum dort lebten, nur über einen bedingten Zugang zu dieser Kultur verfügen.

Diese Einstellung bezeichne ich als dumm und stehe auch hinter dieser Meinung. Es ist kaum möglich, eine fremde Kultur in einem Land zu leben. Die Gegebenheiten sind andere, da die Kultur dieses Landes viel zu sehr überwiegt. Und wenn versucht wird, die japanische Kultur in Deutschland zu leben, ist das noch weitaus schwieriger, als entschiede man sich für die Kultur der Polen, weil die Unterschiede wohl weitaus größer sind. Möchte man aber eine fremde Kultur zelebrieren, obwohl man sich im eigenen Mutterland befindet, wird das geradezu unmöglich. Die Einflüsse des Landes, in dem man aufwuchs und dessen Kultur man annahm, sind zu groß.

Letzten Endes führt das zu Merkwürdigkeiten, meist dazu, dass man, beim japanischen Beispiel bleibend, japanischer zu werden versucht, als Japaner es sind. Der neu gekaufte Kimono muss getragen werden; man will ihn schließlich zeigen, man möchte präsentieren, wie japanisch man ist, und so entschließt man sich, ihn auf einer der Feiern der Japanologie, die an japanischen Feiern (oder Besäufnissen) orientiert sein sollen (aber praktisch bis auf den Namen nichts mit ihnen gemein haben), zu tragen, obwohl dies auch in der japanischen Kultur abnormal wäre. Andere Leute schreiben Dinge in sozialen Netzwerken auf Japanisch, ohne dass irgendjemand, der der deutschen Sprache nicht mächtig wäre, dies zu lesen bekommt; man muss ja zeigen, was man nun alles kann.

Ein Großteil der Verehrer begibt sich auch in den Nationalismus, der ein entsprechendes Land großredet. Dies drückt sich schon im Kleinen aus: „Hurra, hurra! Die japanische Nationalmannschaft im [beliebige (wohlgemerkt in Deutschland zumindest halbwegs) populäre Sportart] hat gewonnen!“ Wieso? Nationalismus halte ich immer für etwas sehr Krudes; selbstverständlich auch, wenn er sich auf das Mutterland bezieht. Weshalb muss man ihn dann auch noch auf ein anderes Land beziehen? Enden tut das mit Aussagen wie: „Die Chinesen schicken schon wieder Schiffe in japanisches Seegebiet [Senkaku/Diaoyu; ist das nun japanisches Gebiet? nach Meinung der Nationalisten auf jeden Fall]! Es wird Zeit, dass die Japaner mal antworten, so geht das ja nicht weiter! Gut, dass die Verfassung geändert wird bzw. wurde.“ Wundervoll…

Ich habe selbstverständlich kein Problem damit, wenn man gern japanische Gerichte kocht, eine japanische Zeitung liest, um etwas über das Geschehen dort zu erfahren (denn in der deutschen Medienlandschaft existiert Japan im Grunde ja nicht) und um die eigenen Sprachfähigkeiten zu verbessern, oder in seiner Freizeit Syougi spielt. Das Problem entsteht, wenn jemand Udon isst, weil sie eine japanische Speise darstellen, die Mainiti Sinbun (Eigenbezeichnung: Mainichi Simbun) liest, weil sie aus Japan ist, Syougi spielt, weil es japanisch ist. Es ist in Ordnung, wenn man eine Kultur schätzt, da einem Teile dieser Kultur gefallen, aber jeden Teil einer Kultur zu mögen, sogar zu vergöttern, da sie alle dieser Kultur entstammen, ist unsinnig und falsch.

Wie erwähnt liegt es vielleicht tatsächlich an der japanischen Kultur und den Studenten der Japanologie, dass sie so japanisch werden wollen wie möglich und gern bereit sind, unangenehme Details der japanischen Kultur und des Alltags des Landes ausblenden, aber zum Teil gilt das sicher auch für viele andere Menschen (und es muss nicht zwangsläufig ein passendes Fach studiert werden; dies ist viel mehr ein Symptom, als eine Ursache).

Ich interessiere mich auch für Kulturen anderer Länder, etwa die Japans oder Irlands, aber muss ich deswegen im Happi herumlaufen oder jeden Abend ein Stout aus einer irischen Brauerei trinken? Sicherlich nicht.