„Wer die Verfassung ändert und LDP wählt, ist kein Demokrat!“, sagt Sven Saaler

Michael verwies heute auf einen Text in der Zeitschrift „Internationale Politik und Gesellschaft“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, dessen Titel lautete: „Verfassungsänderung? Is mir egal… Japans politische Apathie könnte sich bitter rächen“. Geschrieben wurde er von Sven Saaler, laut seinem Profil auf der Seite der Zeitschrift „Professor für moderne japanische Geschichte an der Sophia-Universität“ in Toukyou.

Unter der Überschrift, dem Autorennamen und dem Veröffentlichungsdatum prangt ein Bild von vier in einer U-Bahn schlafenden Schülerinnen, das anscheinend ein Symbol für die „politische Apathie“ aus der Überschrift darstellen soll. Nach einem Schul- und Lerntag, wie sie ihn vermutlich hinter sich haben, sähe ich auch so aus und ich stecke sicherlich nicht in politischer Apathie. Was die Bildunterschrift „Roboter mit Senf…is mir egal“ außerdem bedeuten soll, bleibt offen. Ich erkenne zumindest keinen Sinn darin.

Der Text ist datiert auf den 11.07.2016 und beschäftigt sich mit der Sangiin-Wahl vom Vortag und wird damit eingeleitet, dass „die Parteien der regierenden Koalition von Premierminister Shinzo Abe erneut einen deutlichen Sieg errungen“ haben und nun in beiden Parlamentskammern über Zweidrittelmehrheiten verfügen.

Nun widmet sich der Text der relativ geringen Wahlbeteiligung, ohne sie zu nennen (sie scheint 54,69% der Wahlberechtigten betragen zu haben), springt dann aber zu einem Thema, das wohl eines der Hauptthemen des Textes darstellen soll: „Trotz weit verbreiteter Klagen über die Wirtschaftslage und schlechte Indikatoren ist der Wunsch nach einem Politikwechsel offenbar nur schwach ausgeprägt.“ Wieso wählen die da weiterhin die LDP, obwohl das ja anscheinend nichts bringt?

Die „weit verbreiteten Klagen“ haben sich dann einen Satz später auch schon wieder erledigt, denn „[i]n Umfragen vor der Wahl bestätigten mehr als 70 Prozent der Befragten, dass sie selbst keine finanziellen Probleme hätten, während sich nur 24 Prozent kritisch über ihre wirtschaftliche Lage äußerten“.

Nächstes Argument dafür, dass die LDP noch an Stimmen gewann, nämlich dass die Opposition keine Alternative biete, ist noch merkwürdiger untermauert: „Das mag teilweise daran liegen, dass die Oppositionsparteien wenig Gelegenheit hatten, sich im Wahlkampf zu profilieren.“ Wenn der Wahlkampf nicht funktioniert, bietet eine Opposition keine Alternative? Was ist denn das für eine dämliche Begründung?

Angesichts der Tatsache, dass der folgende Satz sogar besonders hervorgehoben ist, muss er wohl auch besonders wichtig sein: „Da eine hohe Wahlbeteiligung eher der Opposition zugute kommt, war die politische Apathie im Vorfeld der Wahl von der rechtsgerichteten Regierung Shinzo Abes bewusst geschürt worden.“ Aha, denkt man sich. Wie denn das? Herr Saaler klärt den Leser auf: „Es gab nur eine einzige offizielle Debatte der Parteivorsitzenden und nur wenige Auftritte der politischen Führungspersönlichkeiten in Fernsehsendungen.“ Debatten der Parteivorsitzenden und Auftritte der Parteioberen sind nämlich das, was politische Apathie verhindert, habe ich das richtig verstanden? Das einzig Relevante ist das, was die Parteiführer sagen?

1. Herr Saaler, Sie scheinen ja in Japan zu leben und vielleicht bekommt man dort nicht soviel von ihr mit (ich hatte damit aber während meiner Zeit in Japan keine Probleme), aber haben Sie in den letzten 11 Jahren einmal etwas Inhaltsreiches von Frau Merkel gehört? Ich nicht. Und das ist es, was politische Apathie fördert. Wenn da etwas gesagt wird, das keinen Inhalt hat.

2. Wieso führen Sie, Herr Saaler, eigentlich nur die „offizielle[n] Debatte[n] der Parteiführer“ an? Das ist sicher nicht das Einzige, was in den Medien stattfand und somit zur Bevölkerung getragen wurde, oder? Wahlkampf verläuft vielmehr indirekt in den Nachrichten. Gab es eigentlich noch weitere Debatten der Parteivorsitzenden, die nicht offiziell waren? Gab es eigentlich noch weitere Debatten, an denen nicht die Parteivorsitzenden beteiligt waren? Wären die nicht auch eine Erwähnung wert?

Aber es geht noch weiter: „Die Hauptnachrichtensendung des staatlichen Senders NHK, seit Jahren unter wachsender Kontrolle der Regierung, verzichtete zwei Tage vor der Wahl vollständig auf Berichterstattung darüber.“ Das ist der direkt auf das letzte Zitat folgende Satz. NHK berichtet in der Hauptnachrichtensendung zwei Tage vor der Wahl, also am 08.07., nicht von der einzigen offiziellen Debatte der Parteivorsitzenden und den Auftritten politischer Führer in Fernsehsendungen. Ja, wieso denn auch? Oder wurde an diesem Tag nicht von der bevorstehenden Wahl berichtet? Ja, wieso denn auch? Sie hatte ja noch nicht stattgefunden!

Einen Beleg, wieso „eine hohe Wahlbeteiligung eher der Opposition zugute“ kommen soll, habe ich im Übrigen noch immer nicht erhalten und ich wage diese These auch zu bezweifeln.

Der folgende Absatz liest sich auf den ersten Blick wie eine Aneinanderreihung von Fakten, aber tatsächlich ist da auch einiges komisch. Saaler zählt nun auf, dass die LDP nun 121 Sitze, die Koumeitou 24 Sitze und weitere Parteien, die für eine Verfassungsänderung sind, 15 Sitze errangen. Wer diese kleineren Parteien sind, erfährt man nicht, dafür liest man aber von den schon seit einiger Zeit in der Marginalität verschwundenen Sozialdemokraten, die nur noch zwei Mandate erringen konnten (auch nur prozentual deutlich weniger als vorher). Ziemlich lustig ist auch, dass Saaler schreibt: „Die oppositionelle Demokratische Partei verlor demgegenüber Sitze und verfügt nurmehr über 49 (ein Verlust von elf Sitzen).“ Was ist daran lustig? Die „Demokratische Partei“ (民主党; Minsyuutou) gibt es seit März nicht mehr, da sie mit der Isin no Tou fusioniert hat und so die „Demokratisch-Progressive Erneuerungspartei“ (民進党; Minsintou) entstand, was aber Herrn Saaler entgangen zu sein scheint.

Ob man Herrn Saaler für den sich anschließenden Absatz kritisieren will, sei jedem selbst überlassen. Die merkwürdige Gegenargumentation gegen eine LDP-Aussage, die Kritik an Politik „ohne Rücksicht auf Kritik von der Opposition oder Großdemonstrationen der Bevölkerung“ geben zumindest Anlass, das Wissen Herrn Saalers anzuzweifeln, denn Letzteres ist vielerorts üblich, es sei etwa auf das Thema TTIP verwiesen.

„All dies [Inhalte eines Verfassungsentwurfs des LDP von 2012] ist in der japanischen Gesellschaft heftig umstritten, wurde aber im Wahlkampf kaum thematisiert, entsprechende Diskussionen vielmehr bewusst vermieden.“ Das ist der erste Satz des nächsten Absatzes. Ich verweise auf andere Textpassagen, um mit Saalers eigenen Worten dagegen zu halten: „In diesem Jahr kam der Wahl allerdings große Bedeutung zu, da es um die Zweidrittelmehrheit für die Regierung Abe und seine Liberaldemokratische Partei (LDP) ging. Eine Zweidrittelmehrheit ist notwendig, um eine Revision der Verfassung einzuleiten, die dann in einer Volksabstimmung bestätigt werden muss“ oder „allerdings ist weithin bekannt, dass der Parteivorsitzende Shinzo Abe seit Jahrzehnten die Verfassungsrevision als Kernstück der ‚Befreiung Japans vom Nachkriegsregime‘ propagiert und Lobbygruppen unterstützt, die sich diesem Ziel verschrieben haben“. Auch zwei Absätze weiter findet man einen wiederum von Saaler selbst gebrachten Gegenbeweis: „Ob die Diskussion über die zukünftige Form der Verfassung weiterhin so offen geführt wird wie bisher, ist fraglich“.

Dräuend muss Saaler nun enden: „All das verheißt nichts Gutes für die Zukunft der Demokratie in Japan. Ein Erwachen breiterer Teile der Bevölkerung aus der politischen Apathie erscheint angesichts der geringen Konfrontationsbereitschaft der Medien unwahrscheinlich. Die entscheidende Frage für Japans Zukunft wird letztlich sein, ob sich ausreichend Demokraten finden, die sich bedingungslos für die Bewahrung der Demokratie einsetzen.“ Demokraten, erhebt Euch! Die Verfassung darf nicht geändert werden! Aber die Demokraten scheinen nicht da, sie sind ja apathisch. Und die zukünftigen Vielleicht-Demokraten schlafen im Zug und träumen von Robotern mit Senf. Oder so.

Herr Saaler, was wollen Sie mir mit diesem kruden Text sagen? Ich verstand, dass die Japaner nicht ihre Verfassung ändern dürfen, nicht alle LDP wählen sollen und, wenn sie beides doch tun, keine Demokraten sind, sondern „apathisch“ Politik ignorieren. Ist es das, was sie auszudrücken versuchen?

Ich bin ja auch kein Freund der derzeitigen Regierungskoalition und würde mich nicht über eine Verfassungsänderung nach Geschmack der LDP freuen. Aber legen Sie das ganze doch das nächste Mal mit guten Argumenten dar. Und ohne Fehler.

Kulturenvergötterung

In der Japanologie zu Trier erlebe ich ein gewisses Phänomen ziemlich häufig. Vielleicht liegt es gerade an dem Land Japan, aber ich begegne vielen Leuten, die die japanische Kultur und das japanische Leben über alles stellen, geradezu vergöttern und meinen, es ihrerseits auch hier leben zu müssen, wiewohl sie, da sie, wenn überhaupt, nur über einen relativ kurzen Zeitraum dort lebten, nur über einen bedingten Zugang zu dieser Kultur verfügen.

Diese Einstellung bezeichne ich als dumm und stehe auch hinter dieser Meinung. Es ist kaum möglich, eine fremde Kultur in einem Land zu leben. Die Gegebenheiten sind andere, da die Kultur dieses Landes viel zu sehr überwiegt. Und wenn versucht wird, die japanische Kultur in Deutschland zu leben, ist das noch weitaus schwieriger, als entschiede man sich für die Kultur der Polen, weil die Unterschiede wohl weitaus größer sind. Möchte man aber eine fremde Kultur zelebrieren, obwohl man sich im eigenen Mutterland befindet, wird das geradezu unmöglich. Die Einflüsse des Landes, in dem man aufwuchs und dessen Kultur man annahm, sind zu groß.

Letzten Endes führt das zu Merkwürdigkeiten, meist dazu, dass man, beim japanischen Beispiel bleibend, japanischer zu werden versucht, als Japaner es sind. Der neu gekaufte Kimono muss getragen werden; man will ihn schließlich zeigen, man möchte präsentieren, wie japanisch man ist, und so entschließt man sich, ihn auf einer der Feiern der Japanologie, die an japanischen Feiern (oder Besäufnissen) orientiert sein sollen (aber praktisch bis auf den Namen nichts mit ihnen gemein haben), zu tragen, obwohl dies auch in der japanischen Kultur abnormal wäre. Andere Leute schreiben Dinge in sozialen Netzwerken auf Japanisch, ohne dass irgendjemand, der der deutschen Sprache nicht mächtig wäre, dies zu lesen bekommt; man muss ja zeigen, was man nun alles kann.

Ein Großteil der Verehrer begibt sich auch in den Nationalismus, der ein entsprechendes Land großredet. Dies drückt sich schon im Kleinen aus: „Hurra, hurra! Die japanische Nationalmannschaft im [beliebige (wohlgemerkt in Deutschland zumindest halbwegs) populäre Sportart] hat gewonnen!“ Wieso? Nationalismus halte ich immer für etwas sehr Krudes; selbstverständlich auch, wenn er sich auf das Mutterland bezieht. Weshalb muss man ihn dann auch noch auf ein anderes Land beziehen? Enden tut das mit Aussagen wie: „Die Chinesen schicken schon wieder Schiffe in japanisches Seegebiet [Senkaku/Diaoyu; ist das nun japanisches Gebiet? nach Meinung der Nationalisten auf jeden Fall]! Es wird Zeit, dass die Japaner mal antworten, so geht das ja nicht weiter! Gut, dass die Verfassung geändert wird bzw. wurde.“ Wundervoll…

Ich habe selbstverständlich kein Problem damit, wenn man gern japanische Gerichte kocht, eine japanische Zeitung liest, um etwas über das Geschehen dort zu erfahren (denn in der deutschen Medienlandschaft existiert Japan im Grunde ja nicht) und um die eigenen Sprachfähigkeiten zu verbessern, oder in seiner Freizeit Syougi spielt. Das Problem entsteht, wenn jemand Udon isst, weil sie eine japanische Speise darstellen, die Mainiti Sinbun (Eigenbezeichnung: Mainichi Simbun) liest, weil sie aus Japan ist, Syougi spielt, weil es japanisch ist. Es ist in Ordnung, wenn man eine Kultur schätzt, da einem Teile dieser Kultur gefallen, aber jeden Teil einer Kultur zu mögen, sogar zu vergöttern, da sie alle dieser Kultur entstammen, ist unsinnig und falsch.

Wie erwähnt liegt es vielleicht tatsächlich an der japanischen Kultur und den Studenten der Japanologie, dass sie so japanisch werden wollen wie möglich und gern bereit sind, unangenehme Details der japanischen Kultur und des Alltags des Landes ausblenden, aber zum Teil gilt das sicher auch für viele andere Menschen (und es muss nicht zwangsläufig ein passendes Fach studiert werden; dies ist viel mehr ein Symptom, als eine Ursache).

Ich interessiere mich auch für Kulturen anderer Länder, etwa die Japans oder Irlands, aber muss ich deswegen im Happi herumlaufen oder jeden Abend ein Stout aus einer irischen Brauerei trinken? Sicherlich nicht.