Politische Umfragen – Reine Medienwirkungsforschung

Gestern veröffentlichte die ARD wieder einmal ihren „DeutschlandTrend“. Das Unternehmen „Infratest dimap“ erhob per „Festnetz- und Mobilfunkstichprobe“ die Antworten von 1.000 Menschen ab 18 Jahren in Bezug auf drei Fragen und von 500 Menschen zu einer weiteren. Die Fehlertoleranz beträgt nach eigenen Angaben dabei zwischen 1,4% und 3,1%.

Nur 500 Menschen wurden nach den Sicherheitsmaßnahmen nach den Brüssel-Anschlägen befragt. Die genaue Fragestellung geht aus der Grafik nicht hervor, aber man kann wahrscheinlich davon ausgehen, dass drei Antwortmöglichkeiten vorgegeben waren: Die Sicherheitsmaßnahmen „[s]ollten in Deutschland verstärkt werden“, die Sicherheitsmaßnahmen „[s]ollten in Deutschland nicht verstärkt werden“ und „Ich weiß es nicht“. 77% der Befragten sprachen sich für eine Verschärfung aus, 21% dagegen, und das ist nicht überraschend. Sämtliche Medien haben in den letzten Tagen kaum andere Themen gekannt als die Anschläge. BILD titelte: „Wir sind im Krieg!“ Sämtliche Artikel im Politik-Ressort der Süddeutschen Zeitung auf ihrer Online-Präsenz bezogen sich gestern Mittag auf den Terror. Schon am Abend des 22.03. sendete die ARD selbst eine Spezial-Ausgabe der Talk-Show „hart aber fair“, die sich mit den Anschlägen und vor allem den angeblich nötigen neuen und weitreichenderen Sicherheitsmaßnahmen befasste. Nimmt es da Wunder, dass die Befragten, derart beeinflusst, überwiegend für eine Verstärkung plädieren? Und allein dieses Wort ist bereits dahingehend gewählt, dass die Befragten sich dafür entscheiden würden. „Verstärkung“ ist, etwa im Gegensatz zu „Verschärfung“, eher positiv konnotiert.

Auch zu dem derzeit scheinbar wichtigsten Thema, nämlich der Flüchtlingssituation, hat „Infratest dimap“ eine Frage gestellt, diesmal 1.000 Personen. Die Antworten sehen von der Verteilung her ähnlich aus: 20% der Befragten gaben an, dass die „Einigung zwischen EU und Türkei zu Flüchtlingen“ die „Situation bei uns entspannen“ werde, 77% der Befragten gaben das Gegenteil an. Auch hier ist wieder einiges zu bemängeln. Was bedeutet „bei uns“? Ist das die Europäische Union? Ist das Deutschland? Was soll „entspannen“ bedeuten? Eine Frage nach dem Zeitraum sollte ich vielleicht gar nicht erst zu stellen wagen. Doch auch bei dieser Frage zeigt sich der Einfluss der Medien sehr stark. Während die Bundesregierung in der Bundespressekonferenz neulich noch meinte, es sei nicht sinnvoll, bereits jetzt den Erfolg des Abkommens zu bewerten, lösen die Texte und noch viel eher die Bilder in den Medien in der Bevölkerung Emotionen aus. Es ist nicht lange her, da ging das „Kommando Norbert Blüm“ durch die Presse, ebenso die Flüchtlinge, die in Folge dessen versuchten, die mazedonische Grenze zu überqueren. Es gab Bilder aus Flüchtlingsunterkünften, von einer Mutter, die im Flüchtlingslager ein Kind quasi im Dreck gebar. Es ist nicht verwunderlich, dass die Bevölkerung angesichts solcher Bilder glaubt, dass sich die „Situation bei uns nicht entspannen“ werde.

Eine dritte Frage scheint ohne Zusammenhang mit einer derzeitigen Situation zu stehen, zumindest wird keiner kenntlich gemacht. Es geht um den „[a]ktuelle[n] Umgang mit verfügbarem Geld“. Möglicherweise bezieht es sich auf Überlegungen von Banken, Negativzinsen für jedes Konto einzuführen, oder Kontoführungsgebühren zu erhöhen. 42% der Befragten meinten, sie „spare[n] eher“, während 51% der Personen angab „Geld eher aus[zugeben]“. Mangels genauerer Informationen verzichte ich hier auf eine Bewertung dieser Umfrage.

Am bekanntesten ist der „ARD-DeutschlandTrend“ sicher für die Ergebnisse der sogenannten „Sonntagsfrage“: Welche Partei würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre? Dabei erhält die CDU/CSU 34%, die SPD 22%, die AfD 13%, die Grünen 12%, die Linke 8% und die FDP 7% der Stimmen. Auch hier lohnt es sich, einmal anzuschauen, welche Themen derzeit in den Medien von Bedeutung sind. Flüchtlinge. Und sonst? Die Anschläge in Brüssel. Kein Wunder, dass AfD und FDP im Vergleich zu der Umfrage vom 29. Februar stärker geworden sind. Beide versuchen, möglichst viele Flüchtlinge aus Deutschland herauszuhalten, wenn sie auch verschiedene Wege nennen. Sowohl die Zustimmung für CDU/CSU, als auch für die SPD dagegen sind gesunken, obwohl diese beiden – als Regierungsparteien – dafür sorgten, dass de facto keine Flüchtlinge mehr nach Deutschland einreisen können. Doch für die Regierung steht nur die Kanzlerin, die nach wie vor verkündet, dass Deutschland „das schaffe“ (was auch immer). Und bei wenigen in der Bevölkerung kommt an, was sie wirklich tut; die Medien zeigen das kaum und versteckt.

Man sieht an diesen Umfrage-Ergebnissen, dass die Bevölkerung sehr stark von den Medien, deren Vertretern und den in den Medien auftretenden Politikern hinsichtlich ihrer politischen Meinung beeinflusst und manipuliert wird. Und das ist nicht überraschend: Nahezu alles, was man zur Politik hört, dringt über die Medien zu einem, seien es nun aus dem Fernseher, der Zeitung oder über Twitter. Gerade die „traditionellen“ Medien haben das politische Geschehen durch diese Beeinflussung in der Hand und versichern sich mittels Umfragen, ob sie die Wirkung erzielten, die sie erzielen wollten. Die Umfragen dienen jedoch nicht nur den Medien, sondern auch den Politikern, denn diese können ebenfalls erfahren, ob sie sich in den Medien gut präsentierten und der Bevölkerung gefielen. Nur sonst nützen die Umfragen kaum jemandem: Die Bevölkerung hat nichts davon. Oder kann mir einer erzählen, was es ihm bringt, zu wissen, wie viele Menschen prozentual bei einer Bundestagswahl in dieser Woche die FDP wählen wollen, oder dass rund 50% der Menschen meinen, sie gäben ihr „Geld eher aus“?

Kein Medientheater, keine Flüchtlinge, keine AfD

Gestern schrieb ich, dass meine, so wie alle verfallenen Zweitstimmen, sämtlichen Parteien, die in den Landtag einziehen, nutzen, jedoch nicht der Partei, der ich meine Stimme gab. Ich bin daher in gewissem Maße für eine erhöhte Sitzzahl für SPD, CDU, AfD, FDP und Grünen in Rheinland-Pfalz verantwortlich, ohne dies beabsichtigt zu haben. Man kann mir also vorwerfen, dass ich die AfD gestärkt hätte.

Ich bin aber der Meinung, dass die Hauptschuld bei den Medien zu suchen ist und muss, um das zu belegen, ein wenig abschweifen.

Die Talkshows vom 13.03. hatten offiziell das Ergebnis der Landtagswahlen als Thema, beschäftigten sich aber mit der Flüchtlingssituation (nicht der Situation der Flüchtlinge, sondern der Situation, die meist als „Flüchtlingskrise“ betitelt wird, in der ich aber keine Krise sehe). Das Wahlverhalten der gesamten Bevölkerung wurde auf diese Situation zurückgeführt; Merkels Kurs sei gestärkt, die, die eine Obergrenze einführen wollten, seien abgestraft worden. Dazu möchte ich schon einmal anführen: Für mich war die Flüchtlingssituation kein Einflussfaktor auf meine Wahlentscheidung. Aber vielleicht ist es tatsächlich ausschlaggebend für viele Wähler gewesen und die Medien stellen das nicht nur fest, sondern tragen auch die Schuld daran.

Die Flüchtlinge waren aber nicht nur bestimmend für die Talkshows der Wahlnacht, sondern für fast alle der vergangenen Wochen und Monate. Sie dominierten ferner alle Nachrichten und bezeichnend ist auch, dass in den Regierungspressekonferenzen in der Bundespressekonferenz oftmals bis zu zwei Drittel der Zeit für Fragen rund um die Flüchtlingssituation verwandt wurden.

Dabei ist das Thema eigentlich ziemlich irrelevant für den einzelnen Bürger. Die einzigen Flüchtlinge, auf die ich stieß, saßen im Zug oder standen am Bahnhof, drauf und dran, in eine Unterkunft gebracht zu werden. Ich hatte, ebenso wie alle anderen, die ich dort sah, keinerlei Probleme, nicht einmal Berührungen gleich welcher Art mit ihnen. Sie hätten ebenso gut irgendwer anders sein können, man nahm keine Notiz von ihnen. Gut so, denn wer möchte schon angestarrt werden?

Die, die die Flüchtlingssituation als Problem ansehen, sind die Medien, und diese Situation wird derart aufgeblasen, dass es das dominierende Thema in der Bevölkerung wurde. Wenn man kaum Nachrichten über andere Themen hört und sieht, muss man sich, mangels anderer Themen, eben über die Flüchtlinge unterhalten. Da die Flüchtlinge derart dominierend wurden, ist es nun auch nicht verwunderlich, dass Fehlinformationen die Runde machten und auch anderweitig Angst entstand, was letztendlich bei jenen, die sich nur bedingt für Politik interessieren, durchaus dazu führen konnte, dass sie ihre Wahlentscheidung nun tatsächlich von den Antworten der (Bundes-(!))parteien auf die Flüchtlinge abhängig machten. Wenn man in den Abendnachrichten und den Zeitungen nur von einem Thema hört, richtet man seine Entscheidung danach, wie Politiker mit ebendiesem Thema umzugehen gedenken.

Ähnlich war es bereits vor fünf Jahren, vor den letzten Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt. Da war die große Nachricht das havarierte Atomkraftwerk Hukusima Daiiti (Fukushima Daiichi; 福島第一(原子力発電所)). Die Gefahr der Atomkraft war wieder in aller Munde und die Grünen, die für den sogenannten Atomausstieg standen wie keine andere Partei, erhielten mehr als überdurchschnittlich viele Stimmen.

Die Flüchtlinge sind für die Medienwelt das derzeitige Hukusima, das große Thema. Und so nimmt es auch nicht Wunder, dass viele Menschen die AfD wählen, die durch dieses Thema und damit durch die Medien groß wurde, gleich ob ihre Vertreter zu Talkshows eingeladen worden sind oder nicht.

Stefan Schulz bot im Aufwachen-Podcast und bei Twitter (in einem Tweet, den ich bedauerlicherweise nicht mehr finde) eine sehr einfache Lösung an: Macht den Fernseher aus (oder die Augen zu)! Wer keine Nachrichten über die Flüchtlinge hört und sieht, bekommt gar nichts von ihnen mit. Ohne Maus-zu-Elefant-Berichterstattung der Medien hätte die AfD wohl niemals solche Zustimmungswerte erhalten und solche Wahlergebnisse erringen können.

Daher, liebe Medien, nehmt euch ein wenig zurück. Eure Nachrichten und Artikel werden auch gelesen, wenn ihr über andere Themen berichtet. Eure Talkshows werden auch gesehen, wenn über etwas Anderes gesprochen wird. Und, liebe öffentlich-rechtliche Medien, das Geld bekommt ihr ohnehin als Zwangsgebühren, ihr müsst gar nichts durch Werbung finanzieren, sodass ihr auch gar nicht an Einschaltquoten-Rennen teilnehmen müsst. Berichtet ausreichend, aber nicht übertrieben.

Natürlich kann es auch ein Schachzug der Medien sein, der wirklich beeindruckend wäre, hätten sie die Flüchtlingssituation genutzt, um ein weiteres Thema, nämlich die AfD, aufzubauen, um sich weiterhin das Interesse der Konsumenten zu sichern. Dies wäre aber nicht nur perfide, sondern unter Umständen auch gefährlich. Ergebnisse in Landtagswahlen sind das eine, Situationen wie in Polen, die entstehen können, das nächste.

Der Vierte Bericht zur Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen

Eigentlich wollte ich nicht so schnell auf den letzten folgend wieder einen BPK-bezogenen Blogeintrag verfassen, aber was ich eben hörte, schreit laut danach.

Vielen Leuten gilt ja die Europäische Union als Ungetüm mit vielen bürokratischen Auswüchsen. Es wird immer wieder gerne eine Verordnung, die unter anderem den maximalen Krümmungsgrad für Gurken der Handelsklasse „Extra“ regelte, angeführt. Ziemlich unsinnige Bürokratie gibt es aber auch in Deutschland zuhauf und das heutige Beispiel entspringt dabei dem Bundesministerium der Finanzen.

Wolfgang Schäuble hat als Finanzminister, „wie er das einmal pro Legislaturperiode tun muss“ (Regierungssprecher Steffen Seibert), heute den „Vierten Bericht zur Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen“ vorgelegt. Was man sich darunter vorzustellen hat, schreibt Herr Schäuble im Vorwort dieses Berichtes: „Der Tragfähigkeitsbericht dient […] als zentrales ‚Frühwarnsystem‘ im Rahmen einer vorausschauenden Finanzpolitik.“ Er soll also eine Prognose darstellen, wie man angesichts der Veränderungen der nächsten Jahre mit den öffentlichen Geldern, also den eingetriebenen Steuern, umgehen solle. Das ist selbstverständlich erst einmal keine schlechte Sache: Vorsicht ist besser als Nachsicht und es schadet sicher nur selten, vorauszuschauen.

Das Problem aber ist: Der Bericht beschäftigt sich mit dem Zeitraum von 2015 bis 2060, also mit 45 Jahren. Laut Friederike von Tiesenhausen, der Sprecherin des Finanzministeriums, die heute sicherlich keinen einfachen und angenehmen Arbeitstag hatte, weiß das Finanzministerium selbst auch nicht, „wie das [Zuwanderung (als Beispiel)] 2030, ’40, ’50 sein wird“. Sie „weiß nicht, wie Deutschland 2060 ist und ob es noch so bleiben wird, wie es heute ist.“ Selbstverständlich weiß sie das nicht. Niemand weiß das.

Schauen wir einmal 45 Jahre zurück, das heißt ins Jahr 1971. Vergleicht man dieses Jahr mit dem Jahr 2016 fallen einem sofort gewaltige Unterschiede auf: Damals existierten die Sowjetunion und der Warschauer Pakt, Honecker wurde Erster Sekretär des SED-Zentralkomitees, der Vietnamkrieg dauerte ebenso wie der Kalte Krieg an und ein Ende war jeweils nicht wirklich abzusehen, Willy Brandt erhielt den Friedensnobelpreis für seine Ostpolitik der damaligen Zeit. Heute gibt es keine Sowjetunion mehr, keinen Warschauer Pakt und keinen Kalten Krieg (auch wenn die kurze Zeit der „Freundschaft“ des „Westens“ mit der neu entstandenen Russischen Föderation schon wieder vorbei zu sein scheint), keine SED, keinen Willy Brandt mehr. Vier Jahre nach 1971 sollte auch der Vietnamkrieg vorbei sein. Heute hat die Europäische Union fast fünfmal so viele Mitglieder wie es die Vorgängerorganisation EWG, die es 1971 noch gab, zu diesem Zeitpunkt hatte. Die Bundesrepublik Deutschland hatte vor 45 Jahren noch ein ziemlich stabiles Drei-(bzw. Vier)-Parteien-System, bestehend aus CDU/CSU, SPD und FDP, was sich im Vergleich mit den Bundestagswahlen von 2013 auch kräftig verändert hat. Hätten sich die sich 1971 im Amt befindlichen Finanzminister Alex Möller und Karl Schiller solche Veränderungen ausdenken oder gar ausrechnen können? Wohl kaum.

Dennoch spricht von Tiesenhausen davon, dass der Bericht „wissenschaftlich fundiert“ sei, gibt jedoch zu, dass es sich vielmehr um eine, „in Anführungszeichen, langfristige Übung“ handele. Nick Leifert vom ZDF wird den Gedanken nicht los, dass es sich um „l’art pour l‘art“, Kunst um der Kunst willen, handle und Frau von Tiesenhausen hat dem nicht viel entgegenzusetzen.

Das Finanzministerium muss einmal pro Legislaturperiode einen Bericht veröffentlichen, in dem es seine Finanzplanung für einen nicht nachvollziehbar langen Zeitraum darlegen soll, obwohl keiner mit Sicherheit sagen kann, ob nach der derzeitigen Legislaturperiode eine der Koalitionsparteien noch einmal regieren wird, oder was sich sonst an der Situation Deutschlands verändern wird, denn es steht fest, dass sich etwas verändern wird. Die Pflicht, einen solchen Bericht zu verfassen, ist etwas, was sofort abgeschafft gehört. Niemand kann wissen oder auch nur seriös schätzen, was in 45 Jahren sein wird. Ich denke, dass Herr Schäuble und sein Ministerium schon genug mit der Finanzplanung für dieses Jahr und den Haushalt für das nächste zu tun haben, als dass man ihn und seine Beamten mit einem solchen Unsinn behelligen sollte.

Wer entscheidet eigentlich, was eine Invasion ist?

In der Regierungspressekonferenz in der Bundespressekonferenz vom 15.02.2016 (auch als (unsauberes) Transkript), also von gestern, stellte Tilo Jung folgende Frage an Martin Schäfer, den Sprecher des Auswärtigen Amtes: „Wenn Saudis und Türken Bodentruppen nach Syrien schicken, dann wäre das ja eine Invasion. Die Bundesregierung ist also grundlegend gegen eine solche Invasion, richtig?“

Mich überraschte die Antwort Schäfers sehr. Sie lautete: „Ob das eine Invasion oder nicht eine Invasion ist, muss ich Ihnen überlassen.“ Dies ist trotz der Holprigkeit kaum anders zu verstehen, als dass Herr Schäfer sagen wollte, dass es die Sache Tilo Jungs und damit der Journalisten ist, zu entscheiden oder zu urteilen, ob die ungebetene Verlegung saudi-arabischer und türkischer Soldaten nach Syrien, das nach wie vor einen souveränen Staat darstellt, auch wenn von der Staatlichkeit wohl nicht mehr allzu viel gegeben ist, eine Invasion darstellt.

Der Duden, der die aktuelle deutsche Sprache de facto festlegt, definiert eine Invasion folgendermaßen: „feindliches Einrücken von militärischen Einheiten in fremdes Gebiet; Einfall“. Außerdem verweist er auf die angeblich völkerrechtliche Definition von Aggression, wo quasi das Gleiche steht: „rechtswidriger militärischer Angriff auf ein fremdes Staatsgebiet“. Da das Völkerrecht leider keinen Gesetzeskatalog aufweist, ist dort nur schwer abzulesen, wie Aggression und Invasion dort wirklich definiert werden (wenn sie es überhaupt werden).

Ich würde eine Invasion ähnlich, aber nicht vollkommen gleichlautend definieren und zwar als„nicht explizit gestatteter Eintritt (para-)militärischer Einheiten in das Hoheitsgebiet eines souveränen Staates für militärische Zwecke“. Meinem Urteil nach wäre die Verlegung türkischer und saudi-arabischer Truppen in syrisches Gebiet, meine (aber auch die Duden-)Definition zugrunde legend, daher tatsächlich eine Invasion, aber längst nicht die erste. Angesichts der Tatsache, dass bereits seit über einem Jahr US-amerikanische Truppen und Militäreinheiten anderer Länder die Lufthoheit Syriens täglich systematisch verletzen, hat bereits diese Gruppe von Staaten, und darunter auch Deutschland, Syrien invadiert. Die ausländischen Truppen, die sich auf Bitte der syrischen Regierung im Lande befinden, sind iranische und russische, womit es nur diese beiden Staaten sind, die Militäreinheiten auf syrischem Gebiet haben, denen man keine Invasion vorwerfen kann.

Ich möchte aber noch einmal auf Schäfers Äußerung zurückkommen, denn es verwunderte mich, dass er nicht auf Juristen, die im Völkerrecht bewandert sind, und deren Urteil verwies, sondern die Entscheidung den Journalisten überließ. Ebenjene Juristen sind darin geschult, solche Urteile zu fällen, und sind meist auch die, die von etablierten, reichweitenstarken Medien herangezogen werden, diese Urteile, möglichst in einer (Nachrichten-)sendung des jeweiligen Mediums, zum besten zu geben. Auch Politiker halten sich mit ihrer persönlichen Meinung bei solchen Fragen selten zurück. Kann es sein, dass sich das Auswärtige Amt unter Frank-Walter Steinmeier nicht traut, etwas Spitzes gegen die „Partner“ Saudi-Arabien und Türkei zu äußern?

Die Tatsache, dass man Journalisten das Urteil überlässt, stärkt diese und die Medien ungemein, da man diesen die Deutungshoheit über etwas gibt, über das sonst stets das Völkerrecht und die Personen, die es auslegen, zu entscheiden hatten: Liegt eine Invasion vor?
Ich rufe, wie es auch Herr Schäfer indirekt tat, alle Journalisten dazu auf, sich ein Urteil zu dieser Frage zu bilden. Da man mich als Blogger in gewisser Weise als Journalist begreifen kann, habe ich meines hier ja bereits vorgelegt. Ob Herr Schäfer wohl meiner Meinung wäre?

Tilo Jung und die Bundespressekonferenz

Seit heute genau drei Jahren gibt es ein Projekt, das ich sehr wohlwollend betrachte, und welches ich auch schon finanziell unterstützte: Jung und Naiv (https://www.youtube.com/user/Nfes2005). Der Journalist Tilo Jung hat am 07.02.2013 das erste Video dieser Reihe, welche nun bereits mehr als 250 Folgen aufweist, bei YouTube hochgeladen. Dabei schlüpft der Namensgeber in die Rolle eines naiven und uninformierten jungen Menschen, und führt in dieser Interviews mit anderen Journalisten, Politikern und weiteren Personen (etwa dem Regierungssprecher, einem Angehörigen des tibetischen Parlaments im Exil oder Jacob Appelbaum) auf Deutsch oder Englisch in Bezug auf das jeweilige (Fach-)gebiet der befragten Person. Das Besondere dabei ist, dass keine Fremdwörter gebraucht werden dürfen oder sie zu erklären sind, dass die Befragten geduzt werden und, insbesondere in neueren Ausgaben, die Interviews ungewöhnlich lang dauern, zum Teil, mit über soziale Medien gesammelten Fragen, über zwei Stunden. Unterstützung erhält Tilo Jung dabei von Alexander Theiler und Hans Hütt sowie von den sogenannten Jung und Naiv-Ultras.

Auch wenn der Untertitel der Reihe „Politik für Desinteressierte“ lautet, wird selbstverständlich ein gewisses Interesse im Publikum für die Politik angenommen (es schauen sich wohl nur wenige Leute Videos über Politik an, wenn sie keinerlei Interesse darin haben), Vorwissen ist jedoch aufgrund des Fremdwortverbots und häufig ausreichend langer Erläuterungen der Befragten von ihnen selbst aus kaum nötig.

Tilo Jung ist Mitglied der Bundespressekonferenz (meist als BPK abgekürzt), einem Verein der Hauptstadtjournalisten in Berlin. Dieser veranstaltet regelmäßig drei Mal in der Woche die sogenannte Regierungspressekonferenz, zu der sowohl der Sprecher des Bundeskanzlers bzw. des Kanzleramtes als auch die der Ministerien geladen werden, die dort den Vereinsmitgliedern und den Mitgliedern des Vereins der Ausländischen Presse in Deutschland Rede und Antwort zu stehen haben. Fast alles, was die Regierung verlauten lässt und etwa in den Fernsehnachrichten oder Tageszeitungen zu lesen ist, berichten die jeweiligen Sprecher hier. Nach eigenen Angaben ist die Bundespressekonferenz, wie sie ist, einmalig auf der Welt, da sie es ist, die einlädt. An allen anderen Orten sind es die Politiker, die die Presse einladen.

Das Team von Jung und Naiv lädt seit einiger Zeit Videomitschnitte der Regierungspressekonferenzen bei YouTube hoch. Möchte man also eine unverfälschte Version der Nachrichten in Bezug auf das, was die Regierung von sich gibt, sehen, ist es sinnvoll, sich diese anzuschauen. Medien verdichten und interpretieren, was manche für eine ihrer Aufgaben halten, aber den Wortlaut und die Mimik und Gestik der Sprecher sieht man im Original der Pressekonferenzen. Bis vor kurzem war es ausschließlich über Jung und Naiv möglich, sich diese Pressekonferenzen anzusehen, doch seit diesem Jahr gibt es auch einen Livestream des Vereins; diesen jedoch gibt es wiederum nur für Vereinsmitglieder. Ich halte das Projekt „Bundespressekonferenz für Desinteressierte“ für das bedeutendste des Teams. Die Gründe sind auf der einen Seite die Verlautbarungen der Regierung und die Einblicke in diese, die man praktisch nur über die Bundespressekonferenz erhält, sowie auf der anderen Seite die hohe Frequenz, in der das geschieht. Selbstverständlich stellt Tilo Jung als Vereinsmitglied auch selbst kritische Fragen an die versammelten Sprecher.

Ich selbst habe mir die Arbeit des Jung und Naiv-Teams zum Anlass genommen, (fast) jede Regierungspressekonferenz per Twitter (https://twitter.com/Zornbuerger) unter dem Hashtag #BPK (BundesPresseKonferenz) kurz zu kommentieren, wobei ich meist, direkt oder indirekt, einen Sprecher zitiere, oder mich anderweitig ein wenig über die komische Art der Antworten lustig mache. Ab und an nehme ich dabei auch Bezug auf für mich Bedeutendes und Erschreckendes.

Nicht aussparen möchte ich den Aufwachen-Podcast (http://aufwachen-podcast.de), den Tilo Jung und der Soziologe Stefan Schulz betreiben. Hier werden Teile von Fernsehnachrichten, meist aus den öffentlich-rechtlichen Medien, kommentiert und kritisiert; man beschäftigt sich aber auch mit anderen Themen wie etwa den derzeit laufenden Vorwahlen in den Vereinigten Staaten oder diskutiert mit Gästen.

Ich möchte Tilo Jung und seinem Team für die große Mühe danken. Das Projekt Jung und Naiv halte ich für ein sehr bedeutendes in der Medienlandschaft, wobei ich den Fokus auf die Bundespressekonferenz-Videos legen möchte. Für alle, die auch nur halbwegs politisch interessiert sind oder Medien in irgendeiner Weise spannend finden, lohnt sich ein Blick in diese, sowie auch in die Jung und Naiv-Videos oder den Aufwachen-Podcast. Ich selbst verfolge alle drei Projekte mit großem Interesse.