Selbstreflexion

Es ist Mittwoch und alle erwarten einen neuen #VKritik-Eintrag hier im Blog. Aber ich muss enttäuschen und sicher auch viele überraschen, und will mich einem Thema widmen, das für mich deutlich wichtiger ist, für alle anderen aber wohl, zugegeben, nicht so sehr: mich.

In letzter Zeit komme ich nach der Uni oder nach der Arbeit ziemlich müde und erschöpft nach Hause. Insbesondere die Uni besteht für mich fast nur noch darin, dass ich mich aufrege, und in meinen Augen ist diese Aufregung auch begründet. Von den Veranstaltungen der Japanologie braucht man, verfolgt man das #VKritik-Projekt, gar nicht mehr reden, und auch von DaF will ich lieber schweigen. Es sind schon kleine Dinge, die mich ärgern und in die ich mich hineinsteigere. Ich ärgere mich dann nicht nur über diese Dinge, sondern auch über die Leute, die etwas damit zu tun haben, die Leute, die diese Dinge nicht bemerken oder ignorieren.

Und das ist nicht nur auf die Uni beschränkt. Ich bin immer hungrig auf Neuigkeiten, vor allem aus der Politik. Ich lechze nach Nachrichten und schaue jede Stunde oder häufiger in einen meiner Nachrichtenkanäle. Und dann rege ich mich wieder auf und werde sauer. Vielleicht ist es mittlerweile soweit, dass ich etwas lese, damit ich sauer werde? Ich denke nicht, aber möglicherweise kann ich das auch nur gar nicht mehr einschätzen.

Die Nachrichten sind aber ein äußerst wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich beginne den Morgen unter anderem mit Fefes Blog, Twitter und dem Standard und schließe den Tag auch damit ab. Ich weiß nicht, wie oft ich am Tag auch nur diese Seiten, lasse ich mal alles andere, sei es die BPK, der Aufwachen-Podcast oder anderes, hier raus, besuche. Wie einem Alkoholsüchtigen ist mir lange nicht wirklich aufgefallen, wie sehr ich daran hänge. Und wie einen Alkoholsüchtigen macht mich das alles kaputt.

Die Welt besteht für mich fast nur noch aus Aufregung. Aufregung über das verkrüppelte Deutsch, welches so viele Menschen nur noch von sich geben. Aufregung über die ständige und fortschreitende Einschränkung sämtlicher Freiheiten, die man in Deutschland und Europa hat. Aufregung über einseitige Berichterstattung. Aufregung über Manipulation gleich welcher Art. Aufregung über Leute, die nichts hinterfragen, auch nicht das, was sie tun.

Fefes Blog ist wichtig und es ist großartig, dass es ihn gibt, aber ich stelle fest, dass all das, was auf der Welt passiert und was man dort findet, einen Menschen zerstört, der dies alles liest, erfährt und durchdenkt. So vieles läuft falsch und obwohl doch alle Menschen dies bemängeln und sich dagegen wehren müssten, tut es kaum einer.

Das fängt schon in sehr kleinem Rahmen an. Ich begann das Projekt #VKritik auch, da niemand etwas darüber sagte, was in der Japanologie der Universität Trier stattfindet. Ich blieb fast der einzige, der etwas sagte und scharfe Kritik äußerte und das nicht nur im Rahmen des Projektes. Aber im Großen und Ganzen verhallte all das ungehört und ich stieß auf wenig Gegenliebe.

Ich habe mir immer gesagt, dass ich es trotzdem tun will. Wenn ich nichts sage, sagt keiner etwas. Und wenn keiner etwas sagt, dann ändert sich auch nichts. Ich habe ein paar Leute beeinflusst, sich zu äußern. Ich habe tatsächlich ein paar Menschen dazu gebracht, nicht alles unreflektiert aufzunehmen und am Ende wiederzugeben.

Aber die Aufgabe ist selbst in diesem kleinen Rahmen zu groß und wenn ich an die Uni komme und man mir sagt, dass man sich auf die uralten Zahlen aus der Vorlesung für ein eigenes Referat stütze oder dass es einen nicht interessiere, ob Quellen angegeben sind, fühlt es sich an, als täte ich das alles umsonst. All die Arbeit und die investierte Zeit scheint vergeudet. Und dann hört man abends in einem Kurs zu Medien die Aussage einer Kommilitonin, dass sie sich nur die „Tagesschau in 100 Sekunden“ anschaue und sich dann informiert fühle.

„Das System“ ist ein Begriff, den ich nicht sonderlich mag. „Das System“ ist das, was Kritiker angreifen, wenn sie einen kompletten Umsturz herbeisehnen. Aber das System ist alles, die Berichterstattung und das Verhalten der Konsumenten, die Uni und die Kurse dort und das Verhalten der Studenten, die deutsche Sprache und ihre Veränderung. Und dieses System hat mich anscheinend irgendwie besiegt.

Ich schaffe es nicht mehr, mich immer zur Wehr zu setzen, wenn mir etwas nicht passt. Ich habe nicht mehr die Kraft, mich offen zu beschweren. Ich habe nicht mehr die Energie, Fehler zu korrigieren. Das heißt nicht, dass ich mich beugen werde, dass ich nun Denglisch sprechen werde, dass ich hinnehme, was man mir sagt, auch wenn es offensichtlich falsch ist. Aber ich kann mich nicht mehr ständig äußern, weil es mich kaputt macht.

Ich muss, zumindest vorläufig, einen anderen Weg gehen. Ich habe versucht, zu verhindern, oft nur in meinem sehr kleinen Rahmen und Umfeld, dass die deutsche Sprache immer mehr leidet, dass Menschen ihren Verstand nicht nutzen, und dass sie den vorgegeben Meinungen glauben. Aber da es für mich nicht gut zu sein scheint, das weiterhin zu tun, werde ich damit aufhören müssen. Ich werde mich weiterhin gegen all dies wehren, aber nur für mich. Andere müssen sich um sich selbst kümmern, ich schaffe das nicht mehr. Wer nicht denken will, hat dann eben Pech gehabt. Und auf den, der nicht richtig sprechen will, wird für immer von mir herabgeschaut werden. Lernt denken, lernt sprechen! Ich kann es keinem mehr beibringen.

Das zieht natürlich einige Konsequenzen nach sich, die ich selbst sehr bedaure. Ich werde mein Leben für die nächste Zeit umstellen, vielleicht für immer, aber erst einmal nur für einige Wochen. Die BPK und der Aufwachen-Podcast werden erst einmal ignoriert, die weitere Nachrichtenaufnahme deutlich eingeschränkt. Vielleicht werde ich dadurch auch wieder etwas umgänglicher. Auch der Blog wird erst einmal ruhen, denke ich. Vielleicht liefere ich hier noch den eigentlich ausstehenden #VKritik-Eintrag nach, vielleicht auch nicht. Denn dass ich diesen Beitrag anstatt der #VKritik schreibe, hat seine Gründe. Ob ich noch allzu viel twittern werde, weiß ich noch nicht und es tut mir Leid, dass ich trotz der Ankündigung so wohl die gesammelten Zitate aus der „Kulturgeschichte Japans“-Vorlesung zumindest noch nicht veröffentlichen kann.

Ich bin selbst nicht sicher, und wie könnte ich auch, ob mir diese Veränderungen helfen werden. Ich hoffe es und vielleicht wird die Zeit kommen, in der ich mich auch wieder äußern kann und werde. Aber ich habe auch noch eine ganze Menge anderer Dinge zu tun. Meine Bachelorarbeit ist seit einiger Zeit in Vorbereitung und wird bald zu schreiben begonnen und es gibt noch einiges mehr. Ich ziehe mich also erst einmal in die Defensive zurück und mache eine Pause. Vielleicht schaffen es ja einige auch ohne Hilfe, zu denken. Ich schaffe es. Und hoffe es sehr für andere.

Wimpelträger-Nationalismus

Heute beginnt wieder einmal eine Fußball-Europameisterschaft und aus irgendeinem Grunde wie selbstverständlich bereitet sich das halbe Land darauf vor. Als ich gestern durch das Dorf lief, waren zwei Herren im Alter von etwa dreißig Jahren gerade dabei, eine sicherlich mindestens ein mal zwei Meter große schwarz-rot-goldene Flagge samt Mast in einen dafür angebrachten Fahnenständer an der Wand eines Hauses zu stecken, und heute sah ich auf der Straße eine auf den Boden geworfene Verpackung eines aufblasbaren Riesenhandschuhs in den gleichen Farben. Auf den Straßen fahren seit einigen Tagen auch wieder eine ganze Menge an Autos herum, an deren Seitenspiegeln oder auf deren Dächern Wimpel in den Farben der Nationalflagge Deutschlands angebracht sind.

Es wird nicht lange dauern, da werden wieder die Hupkonzerte in der Nacht beginnen und ich bin sehr froh, nicht mehr in der Stadt zu wohnen. Vielleicht können sich die Einwohner des Dorfes hier eher beherrschen. Es wäre auch schön, wenn die Polizei in diesen Nächten ihren Pflichten nachgehen würde, denn schließlich besagt §16 der Straßenverkehrsordnung: „(1) Schall- und Leuchtzeichen darf nur geben, 1. wer außerhalb geschlossener Ortschaften überholt (§ 5 Absatz 5) oder 2. wer sich oder Andere gefährdet sieht.“ Auch Wikipedia schreibt dazu: „Die Verwendung zu folgenden Zwecken ist also nicht zulässig: […] Hupkonzert nach sportlichem Erfolg der Lieblingsmannschaft“.

Das alles sind aber natürlich nur Symptome und worauf ich eigentlich hinaus möchte, ist die Ursache: Nationalismus, Stolz auf einen Staat, für gewöhnlich den, in dem man lebt oder dessen Staatsbürgerschaft man hat. Und wie ich bereits einmal schrieb, ist Nationalismus ziemlich gefährlich.

Als ich vor zwei Jahren in Japan war, wo ich im Übrigen von der damals stattgefunden habenden Fußball-Weltmeisterschaft im Grunde nichts mitbekam, erzählte mir eine Freundin, dass sie, in Deutschland seiend, eine Diskussion in einem Internetforum führte, in dem einige Personen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bejubelten. Als jene Freundin dort aber anmerkte, dass dies eine Form des Nationalismus sei, Stolz auf die Nationalmannschaft eines Staates, hatte man kein Einsehen. Es sei doch nicht schlimm! Man müsse doch stolz auf die Mannschaft „des eigenen Landes“ sein! Das mache doch jeder! Das gehöre sich doch so! Den Begriff des Nationalismus schien man unterbewusst abzulehnen, niemand wollte als Nationalist bezeichnet werden.

Dies ist hochinteressant. In Deutschland wird der Begriff des Nationalismus oft mit dem Nationalsozialismus und der Kaiserzeit in Verbindung gebracht, also Zeiten, in denen sich die beiden Weltkriege ereigneten, deren Ursache zumindest teilweise ebendieser Nationalismus war. Selbstverständlich möchte sich kaum einer mit den Denkmustern dieser Zeiten identifizieren. Und dennoch glauben diese Leute, dass es sich doch so gehöre und man stolz auf „die eigene Mannschaft“ sein müsse.

Viele sagen mir, dass das doch überall auf der Welt in vielen verschiedenen Staaten ähnlich sei. Ich frage: Ändert das etwas? Wenn ein Russe stolz auf sein Land ist, so ist das nationalistisch. Wenn ein Nigerianer stolz auf sein Land ist, so ist das nationalistisch. Und auch wenn ein Argentinier stolz auf sein Land ist, so ist das nationalistisch.

Man sei doch nicht stolz auf das Land, sondern auf die Nationalmannschaft, heißt es auch. Ich frage: Repräsentiert sie nicht das Land, die Nation? Daher heißt sie doch so. Viele der Sportler sagen auch, dass sie stolz seien, „ihr“ Land repräsentieren zu dürfen. Aber wieso sollte man darauf stolz sein? Man kann stolz auf seine Leistungen sein, stolz darauf, einer der wahrscheinlich besten Spieler eines Landes zu sein. Aber wie kann man stolz auf etwas sein, wofür niemand und insbesondere nicht sie selbst etwas besonders Kompliziertes oder anderweitig Schwieriges tat? Eine Nationalmannschaft zu gründen ist für einen Verein wie den Deutschen Fußball-Bund wohl keine allzu große Schwierigkeit gewesen. Sollte man den Stolz auf die Mannschaft, die ein Turnier zu spielen beginnt, aber auf andere Weise sehen (und das wird wohl deutlich häufiger der Fall sein), kommt man schnell wieder an den Punkt, an dem man doch vom Stolz auf Deutschland spricht. Und das ist Nationalismus.

Nationalismus ist ein objektiver Begriff, den jeder aber subjektiv bewertet. Ich bewerte ihn ziemlich negativ und das hat vor allem einen Grund: Wer stolz auf ein Land ist, und ich habe, um ehrlich zu sein, nie verstanden, wie man auf ein nationalstaatliches Gebilde stolz sein kann, überhöht es gern und dies geht mit der Herabsetzung anderer Länder, im Grunde aller anderen Länder einher. Daraus folgt dann, dass man das „eigene“ Land als besser erachtet als andere, das „eigene“ Volk als besser erachtet als andere und sich am Ende als besser erachtet als Angehörige anderer Völker.

„Was hat das mit Fußball zu tun?“, würde ich nun gefragt werden und ich denke, dass die Antwort auf der Hand liegt. Vor zwei Jahren gab es das sogenannte „Gauchogate“, Argentinier wurden verhöhnt, als sie gegen Deutschland verloren hatten. Zwölf Jahre zuvor skandierte man: „Ohne Holland fahr’n wir zur WM!“ Wer mir hier sagen möchte, dass man sich nicht über andere Nationen und deren Mannschaften lustig machte und die eigene über deren stellte, kann bei mir nur auf Unverständnis stoßen.

Ich habe keine Flagge an meiner Hauswand, ich habe keine dreifarbigen Gummihandschuhe, ich hupe nachts nicht, lasse alle schlafen und gefährde nicht den Straßenverkehr. Und ich bin nicht stolz auf irgendeine Mannschaft gleich welchen Landes. Ich wäre aber auch bei anderen Sportarten, in denen einzelne Spieler und nicht deren Herkunft von Bedeutung sind, nicht stolz auf einen Spieler. Ich habe doch persönlich nichts mit ihm zu tun. Nun wird man mir sagen: „Aber ich bin Deutscher. Ich habe etwas mit Deutschland zu tun und darf also stolz auf die Nationalmannschaft sein.“ Natürlich darf man stolz sein, wie man es auch immer auf einen Staat sein kann. Aber dann ist man ein Nationalist und wird vielleicht von anderen Nationalisten verspottet und verlacht. Und auch von mir.

Politik wird kompliziert gemacht – Ein Aufruf an irgendwie Desinteressierte

Ich hörte in den letzten Tagen dreimal folgende Aussage: So einfach ist Politik nicht. Politische Themen seien komplex und daher müsse man gut aufpassen.

„Und es ist eben ’nen [sic!] Tick komplizierter und nur indem Sie – “ – „Es ist noch komplizierter, als Sie sagen“, hörte ich heute Abend Nikolaus Blome und Jakob Augstein bei Phoenix diskutieren. Es ging um ein Gespräch zwischen Sigmar Gabriel und einer nicht allzu viel verdienenden Dame, die sich fragte, wieso sie denn noch SPD wählen solle, welches die beiden Journalisten analysierten. Die Dame fragte Gabriel, wieso er denn weiter mit der CDU und der CSU koaliere, wenn die SPD doch in dieser Koalition keine Themen vollumfänglich umsetzen könne. Viel fiel Gabriel nicht ein, er konnte nur auf das verweisen, was die SPD in abgeschwächter Form durchzusetzen vermochte. Aber Politik sei komplizierter hieß es von Augstein und Blome, die Aussagen der Dame würdem an Populismus grenzen und seien eher AfD-nah.

Auch Dr. Johannes Dimroth, Sprecher des Bundesinnenministeriums, den Tilo Jung kürzlich zu Gast bei „Jung & Naiv“ hatte, sprach folgenden Satz aus: „Naja, Politik ist ’n bisschen komplexer […]“. Mittels naiver Fragen schwierige Kommunikationssituationen herbeizuführen, würde „der Komplexität und auch der Seriosität und der Sensibilität der Themen häufig nicht gerecht“ werden.

Bei Ulrich Wilhelm, früherer Regierungssprecher und heutiger Intendant des „Bayerischen Rundfunks“, fiel es mir aber zuerst auf. „Dinge, die objektiv sind, kann man nicht vereinfachen“, sagte er in Bezug auf die Berichterstattung der Medien bei einer Diskussionsrunde. Davon abgesehen, dass man jedes Thema bei der Berichterstattung immer einfacher macht, da nie alle Hintergründe beleuchtet werden (können) und die Aussage daher Unfug ist, reiht sie sich gut bei den obigen Aussagen ein.

Politik ist kompliziert. Das ist richtig. Sie ist kompliziert, sie ist komplex. Politische Themen sind das ebenfalls, auch sensibel. Aber das ist alles auf der Welt. Überhaupt alles. Es ist nicht nur kompliziert zu erklären, wieso die SPD so unbeliebt wurde, warum das schottische Unabhängigkeitsreferendum im Jahre 2014 negativ ausging oder weshalb man Osama bin Laden erschießen lässt, aber Kim Jong-un nicht. Es ist aber auch kompliziert zu erklären, wieso ich anfing, meinen Blog zu betreiben, wie sich Ursula von der Leyen neben ihrer Arbeit der Erziehung von sieben Kindern widmen konnte und auf welche Weise sich die Kartoffel auf der ganzen Welt verbreitete.

Ich zumindest kann die drei letztgenannten Fragen nicht (gut) erklären, denn sie haben alle einen komplexen Hintergrund. Aber ich kann sagen, dass vielen Menschen die Kartoffel gut schmeckt, sie nahrhaft ist und sie in vielen bevölkerten Breiten angebaut werden kann. Das ist doch schon einmal ein Anfang. Ich muss nicht wissen, mit welcher Art von Schiffen sie ihren Weg aus Amerika nach Europa fand. Ich brauche nicht zu wissen, in welchem Jahr die erste Kartoffel auf dem asiatischen Kontinent gepflanzt worden ist. Aber ich kann auch sagen, dass die Unbeliebtheit der SPD mit der sogenannten „Agenda 2010“, ihrem Spitzenpersonal und ihren verkümmerten Positionen zusammenhängt, wiewohl ich nicht sagen kann, wer alles im Parteipräsidium sitzt. Und dennoch kann ich, zumindest für mich, halbwegs erklären, weshalb ich die SPD nicht wählen wollen würde und warum ich da wohl viele Gleichgesinnte habe.

Im Übrigen kann ich zum Beispiel nachschauen, dass eine „von Gonzalo Jiménez de Quesada in die Hochebene von Kolumbien geführte Expedition […] im Jahre 1537 in dem Dorf Sorocotá (in der heutigen Provinz Vélez) die Kartoffel kennen[lernte]“. Das finde ich bei Wikipedia. Und auch das Parteipräsidium der SPD ist nicht schwer zu finden. Dort sitzen zwar Personen, von denen man im Grunde noch nie hörte, denn ich kenne etwa Dietmar Nietan nicht einmal vom Namen, aber ich kann ihn problemlos, wenn auch nicht persönlich, kennenlernen.

Was ich sagen möchte: Politik wird kompliziert gemacht. Und das nicht nur in Worten. Politik wird auch in Taten kompliziert gemacht, ohne dass es notwendig wäre. So macht es scheinbar (und ich meine hier das Wort „scheinbar“) einen Unterschied, ob nun auch bereits in der Überschrift einer Resolution, die im Grunde keinerlei Auswirkungen hat, von einem Völkermord geschrieben wird oder ob das nur im Text der Resolution zu finden ist. Das ist abstrus. Ein Völkermord ist immer ein Völkermord, ob das nun in einer Überschrift steht oder nicht, und es ist gleich, ob nun schon in einer Überschrift zu lesen sei, dass ich meinen Arbeitsplatz verliere, oder ob ich das erst im Text des gleichen Briefes lesen kann.

Aber Politik braucht so einen Unsinn nicht. Und wenn man sich davon löst, ist Politik nicht komplizierter und komplexer als andere Themen. Wie ich zur Kartoffel recherchieren konnte, konnte ich zur SPD recherchieren und habe für beides in etwa die gleiche, sehr kurze, Zeit benötigt. Ich habe keine „ultimative Kenntnis“ (Regierungssprecher Steffen Seibert) zu jedem politischen Thema, nicht einmal zu einem einzigen. Und dennoch diskutiere ich und beschäftige mich mit Politik. Niemand sollte sich von Blödsinn verunsichern lassen. Politik kann interessant sein. Und alles ist komplex. Wer über Feminismus oder Hygiene diskutieren kann, wird auch keine Probleme mit politischen Themen haben. Das verspreche ich. Und hält es irgendwen, der wirklich interessiert an Hygiene oder engagiert im Feminismus ist, davon ab, darüber zu sprechen, wenn ihm jemand sagt, das sei ein ziemlich komplexes Thema? Lasst es euch nicht ausreden, Politik ist nicht komplexer als die Geschichte der Kartoffel.

Twitter und das Podest auf dem Marktplatz

Ich bin nicht Marie Meimberg und bin nicht in der Welt der Sozialen Medien aktiv und mit ihr vertraut wie sie, habe keine Kolumne bei Übermedien. Ich bin nicht Sascha Lobo, kein Internetexperte oder so, der seine Tweets begrenzen musste oder wollte. Ich bin auch kein Stefan Niggemeier und auch kein Fefe, ich bin nicht einmal ein großer Youtuber. Nein, ich bin nur ein Nutzer des Internets, was ich aber immerhin mit all diesen Leuten teile.

Ich bin nicht Marie Meimberg und kann nicht so schön über Soziale Medien schreiben wie sie. Tatsächlich stand ich diesen lange Zeit reserviert, teils ablehnend gegenüber und tue das auch noch immer. Ich nutzte kein Facebook, kein Twitter. Ich brauchte kein Instagram, nicht einmal WhatsApp. Warum? Weil ich meine Daten für meine Daten halte. Niemanden geht es etwas an, welche Telefonnummer ich habe, wo ich wohne. Niemanden hat es zu interessieren, wo ich gerade bin, ob in der Uni, im Urlaub oder beim Wandern. Ich versuche, meine Daten zu schützen. Wirklich.

Ich brauche den ganzen Kram heute immer noch nicht. Und dennoch nutze ich seit bald einem Jahr Twitter (und schon etwas länger Telegram und Threema) und unterhalte nun auch schon eine Weile meinen Blog. Weil ich mich ärgere. Weil ich mich aufrege. Über vieles. Und weil es raus muss. Dringend.

Soziale Medien geben einem die Möglichkeit. Soziale Medien sind ein Marktplatz, auf dem man sein Podest aufstellen und laut schreien kann. Vielleicht steht man dort allein, vielleicht hat man Leute um sich herum, die sich das Geschrei anhören. Ich hatte keine Leute dort stehen, doch nach und nach blieben ein paar stehen und hörten sich an, was ich zu sagen habe. Doch auch, wenn ich auf ewig allein schreien und meine Wut herausbrüllen müsste, würde ich es tun. Denn vielleicht rufe ich ja doch so laut, dass es jemand hört. Und sonst ist es immerhin auch raus.

Twitter ist mein soziales Medium. Ich kann Wut komprimieren und muss keine Facebook-Hassbotschaften aussenden. Twitter ist ein Trichter und es kommt nur das hindurch, was hindurch muss. Und wenn man sich klug anstellt ist das nicht „Scheiße!“, sondern die Ursache oder der Grund, warum etwas Scheiße ist.

Und Twitter ist mein Papier für Spott und Hohn, wovon ich mehr habe, als ich brauche, und was beides auch raus will. Vielleicht, wahrscheinlich ist es auch nur eine Ausdrucksform der Wut oder der Verzweiflung. Zynismus, der sich ausdrückt.

Doch mittlerweile ist Twitter mehr für mich. Twitter ist mein erster Kommunikationskanal für mein #VKritik-Projekt geworden. Ohne Twitter wäre nie etwas davon an die Öffentlichkeit gelangt. Und seit es meinen Blog gibt, wird der von einer Vielzahl von Leuten über Twitter gefunden.

Aber Twitter ist nicht mein Leben und vor allem nicht mein Privatleben. Es geht nach wie vor niemanden etwas an, was ich zum Mittag esse, es geht niemanden an, wo ich mich gerade aufhalte. Twitter ist Teil meines öffentlichen Lebens, mein Weg, über Politik und Medien zu schreiben, die Regierungspressekonferenzen zu kommentieren, Leuten auf indirekte Art mit Aufmerksamkeit zu danken. Und zu kommunizieren. Mit Personen, die ich noch nie traf, aber vielleicht gerne einmal treffen würde.

Twitter ist mein Marktplatz mit meinem kleinen Podest. Dort stehe ich und schreie, wenn ich zürne, wenn mich etwas stört und wenn es raus muss. Wenn ich spotte. Ich muss keine Bilder teilen und vor allem keine Bilder, die sich nach einer Zeit löschen. Ich brauche kein Facebook, um mit Leuten in Kontakt zu bleiben, denn wenn jemand mit mir Kontakt halten will, dann kann der das auch anderweitig schaffen. Dafür brauche ich auch Twitter nicht. Twitter brauche ich so, wie es eben ist. Als Marktplatz.

Projekt Fachschaftsratswahl 2016

Die Tage werden die Wahlen zum Fachschaftsrat der Japanologie Trier stattfinden. Da ich der Meinung bin, dass dieser ein unnötiges Organ darstellt, welches für die Studenten wichtige Entscheidungen über deren Kopf hinweg trifft, plädiere ich nach wie vor für seine Abschaffung. Und tatsächlich sah es einige Zeit so aus, als ob er demnächst aufgrund mangelnder Interessenten für Ämter nicht mehr in der Lage sein würde, sich neu zu konstituieren, doch konservative Personen, die ihn aus unerklärlichen Gründen für erhaltenswert befinden, stemmen sich dagegen, indem sie sich zur Wahl stellen wollen, um danach zurückzutreten. Welch großartiges Demokratieverständnis!

Bisher habe ich aus meiner Ablehnung des Fachschaftsrates die Wahlen boykottiert und ignoriert, diesmal wäre ich aber fast versucht, passiv teilzunehmen. Meine Wahlversprechen, die ich natürlich allesamt einhalten würde, wofür ich mit meinem Namen stehe, sind bereits aufgestellt.

 

Wählt mich

für weniger Verletzte!
Ich verspreche, mich für ein Tempolimit von 5 km/h im Fachschaftsraum der Japanologie Trier (B9) einzusetzen!
Ich verspreche, mich gegen Waffenexporte der Universität Trier in Krisengebiete einzusetzen!

für mehr Transparenz!
Ich verspreche, gegen jeden eingebrachten Antrag, einschließlich von mir eingebrachter Anträge, zu stimmen, solange dies nicht der Verfolgung der Umsetzung meiner anderen Wahlversprechen zuwiderläuft!
Um meine Bereitschaft für das Durchsetzen von mehr Transparenz zu zeigen, werde ich bei der Fachschaftsratswahl vor Zeugen meinen Wahlzettel zerreißen, sodass jeder sieht, für wen ich meine Stimme abzugeben bereit bin und was ich von dem Fachschaftsrat an sich halte!

für weniger Ja!
Nein!
Immer noch nicht!

für weniger Arbeit!
Ich verspreche, nach der Wahl kein Amt im Fachschaftsrat anzunehmen! Sollten mir dies irgendwelche unsinnigen Statuten verwehren, werde ich unverzüglich aus dem Fachschaftsrat austreten; meine weiteren Wahlversprechen müssten unter diesen Umständen bedauerlicherweise von anderen Personen umgesetzt werden!
Ich verspreche, zu keiner außeruniversitären Veranstaltung der Japanologie-Fachschaft, mit Ausnahme der Fachschaftsratssitzungen, zu erscheinen, sei es nun ein „Stammtisch“, ein „Spieleabend“ oder irgendwelche pseudo-japanischen Feierlichkeiten!

für mehr #VKritik!
Was ist das eigentlich? Schaut mal hier: zornbuerger.wordpress.com!
Oder bei Twitter: @zornbuerger und #VKritik!

für mehr Ausrufezeichen!
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Wählt mich! Jetzt!

Studiengang-Anglizismen

Morgen ist Mastertag an der Universität Trier, der Tag, an dem sich die Fachschaften der Studienfächer vorstellen, die man „auf Master“ studieren kann. Als ich eben nachsah, in welchem Raum ich die Politikwissenschaft werde finden können, fiel mir etwas auf und obendrein ein, worüber ich schon lange einmal schreiben wollte: die fürchterliche Angewohnheit, dass deutsche Universitäten gefühlt der Hälfte ihrer Studienfächer englische Namen geben.

Vielen bekannt ist sicher „Gender Studies“ oder, in Trier, „Gender-Studies“. Auch wenn viele den Gebrauch des Wortes „Gender“ vielleicht noch nachvollziehen können wollen, obwohl man auch „soziales und psychologisches Geschlecht“ sagen könnte, wie es auch der „Verein Deutsche Sprache“ vorschlägt, zieht mir „Studies“ die Schuhe aus. Ist das Wort „Studien“ dem Deutschen Studenten schon zu kompliziert geworden? Sind drei Silben so viel zu lang? Noch haarsträubender wird es mit dem Zusatz „interkulturelle“, denn der ist plötzlich doch nur auf Deutsch zu haben. Und was der Bindestrich dort zu suchen hat, obwohl es doch Englisch ist, bleibt mir auch schleierhaft.

Aber es fängt ja schon mit dem Wort „Mastertag“ an. Dass das Bachelor-Master-System Mist ist, muss ich nicht hervorheben, aber allein die Tatsache, dass es die Begriffe wieder nur auf Englisch gibt, ist eine Zumutung. Der Begriff „Magister“ hatte an der Universität, an der Latein die Gelehrtensprache (also keine Fremdsprache im eigentlichen Sinne) war, stets eine Berechtigung, für Englisch gilt das aber nicht. Doch in Deutschland findet man nun „Masters of Science“ (ja, das Plural-s muss stehen, da es kein deutsches Wort ist) und „Bachelors of Education“. Sicher war es den hochgelehrten Politikern, die das System großartig fanden, doch etwas zu peinlich, wenn „Meister der Künste“ durch Deutschland liefen, klingt es doch nach Zauberern oder ähnlichem, doch haben sie vergessen, dass die englische Bezeichnung, „Masters of Arts“, daran nichts ändert. Es sind immer noch „Meister der Künste“, nur eben auf Englisch. Immer noch genauso peinlich.

Insgesamt werden morgen 50 verschiedene Studiengänge vorgestellt, von denen elf zumindest teilweise, die „Interkulturellen Gender-Studies“ nämlich, englische Namen tragen, mehr als ein Fünftel aller Studiengänge also. Da wären „Digital Humanities“, „Economics“, „English Linguistics“, „English Literature“, „English Literature and Media“, „Environmental Sciences“, „Financial Management“, die schon genannten „Interkulturellen Gender-Studies“, „International Economics & Public Policy“, „North American Studies: USA and Canada“ und „Survey Statistics“. Wo ist das Problem, insbesondere für jene, die diese Studiengänge anbieten und dort lehren, teilweise Professuren haben, die Begriffe angemessen zu übersetzen?

Ich gehe mit einem guten Beispiel voran und mache Vorschläge. Was spricht gegen „Digitale Geisteswissenschaften“, „Wirtschaft“, „Englische Linguistik“ oder „Linguistik des Englischen, „Englische Literatur“, „Englische Literatur und Medien“, „Umweltwissenschaften“, „Finanzverwaltung“, „Interkulturelle Studien des sozialen und psychologischen Geschlechts“, „Internationale Wirtschaft und öffentliche Politik“, „Nordamerika-Studien: Die Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada“ sowie „Umfragestatistiken“? Ich warte auf Antworten der Verantwortlichen der Universität Trier.

Die Stimmenverfallsklausel

Laut merkwürdigerweise noch immer vorläufiger Zahlen sieht das Ergebnis der Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz vom 13.03.2016 wie folgt aus: Die SPD errang 36,2% der Stimmen, die CDU 31,8%, die AfD 12,6%, die FDP 6,2% und die Grünen 5,3%. Alle anderen Stimmen entfielen auf Parteien, die keine Mandate errangen, auf den glücklosen Kandidaten Richard Pestemer und die oder den ominösen „Friedenskämpfer“. Rechnet man die Prozentpunkte der erfolgreichen Parteien zusammen, erhält man einen Wert von rund 92,1%. Dementsprechend sind 7,9% aller (Zweit-)stimmen, so auch meine, entfallen, wobei dies den Parteien zugute kommt, die tatsächlich ins Parlament einziehen. Verglichen mit etwa den Bundestagswahlen von 2013 ist dieser Wert relativ gering, dennoch ist der Verfall nicht gerade positiv zu bewerten. Für ein Verhältniswahlrecht spricht, dass nicht alle Stimmen der unterlegenen Parteien verfallen, durch eine Sperrklausel wie die 5%-Hürde in Deutschland ist dies aber wenigstens zum Teil trotzdem der Fall.

In der Hausarbeit (Die Stimmenverfallsklausel – Ein Instrument für die Beseitigung von Disproportionalitäten mit den Vorteilen Expliziter Sperrklauseln; Note: 1,3) zum Seminar „Vergleichende Regierungslehre – Wahlrecht, Wahlsysteme, Wahlpraktiken“ bei Dr. Michel Dormal an der Universität Trier aus dem Sommersemester 2015 habe ich ein System erdacht, dass den Stimmverfall einschränken, das von Befürwortern der Sperrklausel aber dennoch akzeptiert werden kann, da es noch immer der Parteienzersplitterung vorbeugen kann: Die Stimmenverfallsklausel.

Auch hier wird ein willkürlich gewählter Wert festgelegt, den die Parteien aber nicht überspringen brauchen, sondern den die Zusammenrechnung der Stimmen unterlaufen muss. Nehme man als Beispiel eine Stimmenverfallsklausel in Höhe von 5%, so dürfen maximal 5% (oder der Wert muss darunter liegen; eine Sache des Wahlgesetzes) der Stimmen verfallen, was die Verhältniswahl legitimer und, zumindest umgangssprachlich, demokratischer macht.