Ein Lob auf die innenpolitischen Ansichten der Opposition

Gestern am 24.06.2016, ja, richtig, an dem Tag, in dem sich die Medien Europas quasi ausschließlich mit dem Brexit-Referendum befassten, wurde das „Gesetz zum besseren Informationsaustausch bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus“ durch den Bundestag gepeitscht. Für diesen Brocken der Einschränkung der Freiheiten der Bürger Deutschlands hat die Fußballeuropameisterschaft anscheinend nicht gereicht, um ihn vor den Bürgern zu verhüllen. Gut, dass eine Mehrheit der Wähler in Großbritannien sich für einen Austritt aus der Europäischen Union aussprachen.

Ich möchte hier gar nicht viel zu dem Gesetz selbst schreiben, das haben andere schon hervorragend wie immer getan. Ich möchte hier stattdessen Dr. Stephan Harbarth, CDU, zitieren, der gestern in der Debatte sprach und den Gesetzesentwurf anpries.

„Wir [also die Koalition von CDU, CSU und SPD] haben in dieser Wahlperiode im Kernbereich der inneren Sicherheit mehr als ein halbes Dutzend Gesetze verabschiedet. Die Opposition hat in jedem dieser Gesetze einen Anschlag auf die Freiheitsrechte, heute ja auch wieder, Zitat: ‚einen Angriff auf die Grundrechte‘, erkannt, und gegen jedes Einzelne dieser Gesetze gestimmt.
Wir hatten das Reisen in terroristischer Absicht unter Strafe gestellt und einen Ersatzpersonalausweis für potentielle terroristische Gewalttäter eingeführt, der nicht zum Reisen befähigt. Die Opposition war dagegen.
Wir haben das Terrorismusbekämpfungsgesetz verlängert. Die Opposition war dagegen.
Wir haben die Mindestspeicherfrist in maßvoller Weise wieder eingeführt. Die Opposition war dagegen.“

Ich bin der Opposition dankbar. Ich bin den Linken und Grünen dankbar, und stolz auf ihre Bundestagsabgeordneten, die sich gegen diese Grundrechtsverstöße aussprachen und sie nicht mittrugen. In diesen Gesetzen ist nichts maßvoll, sondern maßlos. Und alles ist maßlos übertrieben. Eine Verdächtigung aller, ein Bestrafen von Personen, die nie etwas taten und vielleicht nie tun werden. Bitte, Grüne und Linke, stellt euch diesem Irrsinn weiter entgegen wie bisher.

Ach ja, eines war ja noch. Von CDU und CSU habe ich nie etwas Sinnvolles erwartet. Der Datenschutz scheint ja fast ihr erklärter Feind. Aber, liebe SPD-Abgeordnete, die diesem unsäglichen Gesetzentwurf und den vorigen zustimmten, erklärt mir, wie ihr so tief sinken konntet. Das ist widerlich und mich freut es angesichts solcher Entscheidungen, dass ihr unbeliebt wie nie zuvor seid, die schlechtesten Umfrageergebnisse seit jeher erhaltet. Ihr habt es verdient.

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Wimpelträger-Nationalismus

Heute beginnt wieder einmal eine Fußball-Europameisterschaft und aus irgendeinem Grunde wie selbstverständlich bereitet sich das halbe Land darauf vor. Als ich gestern durch das Dorf lief, waren zwei Herren im Alter von etwa dreißig Jahren gerade dabei, eine sicherlich mindestens ein mal zwei Meter große schwarz-rot-goldene Flagge samt Mast in einen dafür angebrachten Fahnenständer an der Wand eines Hauses zu stecken, und heute sah ich auf der Straße eine auf den Boden geworfene Verpackung eines aufblasbaren Riesenhandschuhs in den gleichen Farben. Auf den Straßen fahren seit einigen Tagen auch wieder eine ganze Menge an Autos herum, an deren Seitenspiegeln oder auf deren Dächern Wimpel in den Farben der Nationalflagge Deutschlands angebracht sind.

Es wird nicht lange dauern, da werden wieder die Hupkonzerte in der Nacht beginnen und ich bin sehr froh, nicht mehr in der Stadt zu wohnen. Vielleicht können sich die Einwohner des Dorfes hier eher beherrschen. Es wäre auch schön, wenn die Polizei in diesen Nächten ihren Pflichten nachgehen würde, denn schließlich besagt §16 der Straßenverkehrsordnung: „(1) Schall- und Leuchtzeichen darf nur geben, 1. wer außerhalb geschlossener Ortschaften überholt (§ 5 Absatz 5) oder 2. wer sich oder Andere gefährdet sieht.“ Auch Wikipedia schreibt dazu: „Die Verwendung zu folgenden Zwecken ist also nicht zulässig: […] Hupkonzert nach sportlichem Erfolg der Lieblingsmannschaft“.

Das alles sind aber natürlich nur Symptome und worauf ich eigentlich hinaus möchte, ist die Ursache: Nationalismus, Stolz auf einen Staat, für gewöhnlich den, in dem man lebt oder dessen Staatsbürgerschaft man hat. Und wie ich bereits einmal schrieb, ist Nationalismus ziemlich gefährlich.

Als ich vor zwei Jahren in Japan war, wo ich im Übrigen von der damals stattgefunden habenden Fußball-Weltmeisterschaft im Grunde nichts mitbekam, erzählte mir eine Freundin, dass sie, in Deutschland seiend, eine Diskussion in einem Internetforum führte, in dem einige Personen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bejubelten. Als jene Freundin dort aber anmerkte, dass dies eine Form des Nationalismus sei, Stolz auf die Nationalmannschaft eines Staates, hatte man kein Einsehen. Es sei doch nicht schlimm! Man müsse doch stolz auf die Mannschaft „des eigenen Landes“ sein! Das mache doch jeder! Das gehöre sich doch so! Den Begriff des Nationalismus schien man unterbewusst abzulehnen, niemand wollte als Nationalist bezeichnet werden.

Dies ist hochinteressant. In Deutschland wird der Begriff des Nationalismus oft mit dem Nationalsozialismus und der Kaiserzeit in Verbindung gebracht, also Zeiten, in denen sich die beiden Weltkriege ereigneten, deren Ursache zumindest teilweise ebendieser Nationalismus war. Selbstverständlich möchte sich kaum einer mit den Denkmustern dieser Zeiten identifizieren. Und dennoch glauben diese Leute, dass es sich doch so gehöre und man stolz auf „die eigene Mannschaft“ sein müsse.

Viele sagen mir, dass das doch überall auf der Welt in vielen verschiedenen Staaten ähnlich sei. Ich frage: Ändert das etwas? Wenn ein Russe stolz auf sein Land ist, so ist das nationalistisch. Wenn ein Nigerianer stolz auf sein Land ist, so ist das nationalistisch. Und auch wenn ein Argentinier stolz auf sein Land ist, so ist das nationalistisch.

Man sei doch nicht stolz auf das Land, sondern auf die Nationalmannschaft, heißt es auch. Ich frage: Repräsentiert sie nicht das Land, die Nation? Daher heißt sie doch so. Viele der Sportler sagen auch, dass sie stolz seien, „ihr“ Land repräsentieren zu dürfen. Aber wieso sollte man darauf stolz sein? Man kann stolz auf seine Leistungen sein, stolz darauf, einer der wahrscheinlich besten Spieler eines Landes zu sein. Aber wie kann man stolz auf etwas sein, wofür niemand und insbesondere nicht sie selbst etwas besonders Kompliziertes oder anderweitig Schwieriges tat? Eine Nationalmannschaft zu gründen ist für einen Verein wie den Deutschen Fußball-Bund wohl keine allzu große Schwierigkeit gewesen. Sollte man den Stolz auf die Mannschaft, die ein Turnier zu spielen beginnt, aber auf andere Weise sehen (und das wird wohl deutlich häufiger der Fall sein), kommt man schnell wieder an den Punkt, an dem man doch vom Stolz auf Deutschland spricht. Und das ist Nationalismus.

Nationalismus ist ein objektiver Begriff, den jeder aber subjektiv bewertet. Ich bewerte ihn ziemlich negativ und das hat vor allem einen Grund: Wer stolz auf ein Land ist, und ich habe, um ehrlich zu sein, nie verstanden, wie man auf ein nationalstaatliches Gebilde stolz sein kann, überhöht es gern und dies geht mit der Herabsetzung anderer Länder, im Grunde aller anderen Länder einher. Daraus folgt dann, dass man das „eigene“ Land als besser erachtet als andere, das „eigene“ Volk als besser erachtet als andere und sich am Ende als besser erachtet als Angehörige anderer Völker.

„Was hat das mit Fußball zu tun?“, würde ich nun gefragt werden und ich denke, dass die Antwort auf der Hand liegt. Vor zwei Jahren gab es das sogenannte „Gauchogate“, Argentinier wurden verhöhnt, als sie gegen Deutschland verloren hatten. Zwölf Jahre zuvor skandierte man: „Ohne Holland fahr’n wir zur WM!“ Wer mir hier sagen möchte, dass man sich nicht über andere Nationen und deren Mannschaften lustig machte und die eigene über deren stellte, kann bei mir nur auf Unverständnis stoßen.

Ich habe keine Flagge an meiner Hauswand, ich habe keine dreifarbigen Gummihandschuhe, ich hupe nachts nicht, lasse alle schlafen und gefährde nicht den Straßenverkehr. Und ich bin nicht stolz auf irgendeine Mannschaft gleich welchen Landes. Ich wäre aber auch bei anderen Sportarten, in denen einzelne Spieler und nicht deren Herkunft von Bedeutung sind, nicht stolz auf einen Spieler. Ich habe doch persönlich nichts mit ihm zu tun. Nun wird man mir sagen: „Aber ich bin Deutscher. Ich habe etwas mit Deutschland zu tun und darf also stolz auf die Nationalmannschaft sein.“ Natürlich darf man stolz sein, wie man es auch immer auf einen Staat sein kann. Aber dann ist man ein Nationalist und wird vielleicht von anderen Nationalisten verspottet und verlacht. Und auch von mir.