Politik wird kompliziert gemacht – Ein Aufruf an irgendwie Desinteressierte

Ich hörte in den letzten Tagen dreimal folgende Aussage: So einfach ist Politik nicht. Politische Themen seien komplex und daher müsse man gut aufpassen.

„Und es ist eben ’nen [sic!] Tick komplizierter und nur indem Sie – “ – „Es ist noch komplizierter, als Sie sagen“, hörte ich heute Abend Nikolaus Blome und Jakob Augstein bei Phoenix diskutieren. Es ging um ein Gespräch zwischen Sigmar Gabriel und einer nicht allzu viel verdienenden Dame, die sich fragte, wieso sie denn noch SPD wählen solle, welches die beiden Journalisten analysierten. Die Dame fragte Gabriel, wieso er denn weiter mit der CDU und der CSU koaliere, wenn die SPD doch in dieser Koalition keine Themen vollumfänglich umsetzen könne. Viel fiel Gabriel nicht ein, er konnte nur auf das verweisen, was die SPD in abgeschwächter Form durchzusetzen vermochte. Aber Politik sei komplizierter hieß es von Augstein und Blome, die Aussagen der Dame würdem an Populismus grenzen und seien eher AfD-nah.

Auch Dr. Johannes Dimroth, Sprecher des Bundesinnenministeriums, den Tilo Jung kürzlich zu Gast bei „Jung & Naiv“ hatte, sprach folgenden Satz aus: „Naja, Politik ist ’n bisschen komplexer […]“. Mittels naiver Fragen schwierige Kommunikationssituationen herbeizuführen, würde „der Komplexität und auch der Seriosität und der Sensibilität der Themen häufig nicht gerecht“ werden.

Bei Ulrich Wilhelm, früherer Regierungssprecher und heutiger Intendant des „Bayerischen Rundfunks“, fiel es mir aber zuerst auf. „Dinge, die objektiv sind, kann man nicht vereinfachen“, sagte er in Bezug auf die Berichterstattung der Medien bei einer Diskussionsrunde. Davon abgesehen, dass man jedes Thema bei der Berichterstattung immer einfacher macht, da nie alle Hintergründe beleuchtet werden (können) und die Aussage daher Unfug ist, reiht sie sich gut bei den obigen Aussagen ein.

Politik ist kompliziert. Das ist richtig. Sie ist kompliziert, sie ist komplex. Politische Themen sind das ebenfalls, auch sensibel. Aber das ist alles auf der Welt. Überhaupt alles. Es ist nicht nur kompliziert zu erklären, wieso die SPD so unbeliebt wurde, warum das schottische Unabhängigkeitsreferendum im Jahre 2014 negativ ausging oder weshalb man Osama bin Laden erschießen lässt, aber Kim Jong-un nicht. Es ist aber auch kompliziert zu erklären, wieso ich anfing, meinen Blog zu betreiben, wie sich Ursula von der Leyen neben ihrer Arbeit der Erziehung von sieben Kindern widmen konnte und auf welche Weise sich die Kartoffel auf der ganzen Welt verbreitete.

Ich zumindest kann die drei letztgenannten Fragen nicht (gut) erklären, denn sie haben alle einen komplexen Hintergrund. Aber ich kann sagen, dass vielen Menschen die Kartoffel gut schmeckt, sie nahrhaft ist und sie in vielen bevölkerten Breiten angebaut werden kann. Das ist doch schon einmal ein Anfang. Ich muss nicht wissen, mit welcher Art von Schiffen sie ihren Weg aus Amerika nach Europa fand. Ich brauche nicht zu wissen, in welchem Jahr die erste Kartoffel auf dem asiatischen Kontinent gepflanzt worden ist. Aber ich kann auch sagen, dass die Unbeliebtheit der SPD mit der sogenannten „Agenda 2010“, ihrem Spitzenpersonal und ihren verkümmerten Positionen zusammenhängt, wiewohl ich nicht sagen kann, wer alles im Parteipräsidium sitzt. Und dennoch kann ich, zumindest für mich, halbwegs erklären, weshalb ich die SPD nicht wählen wollen würde und warum ich da wohl viele Gleichgesinnte habe.

Im Übrigen kann ich zum Beispiel nachschauen, dass eine „von Gonzalo Jiménez de Quesada in die Hochebene von Kolumbien geführte Expedition […] im Jahre 1537 in dem Dorf Sorocotá (in der heutigen Provinz Vélez) die Kartoffel kennen[lernte]“. Das finde ich bei Wikipedia. Und auch das Parteipräsidium der SPD ist nicht schwer zu finden. Dort sitzen zwar Personen, von denen man im Grunde noch nie hörte, denn ich kenne etwa Dietmar Nietan nicht einmal vom Namen, aber ich kann ihn problemlos, wenn auch nicht persönlich, kennenlernen.

Was ich sagen möchte: Politik wird kompliziert gemacht. Und das nicht nur in Worten. Politik wird auch in Taten kompliziert gemacht, ohne dass es notwendig wäre. So macht es scheinbar (und ich meine hier das Wort „scheinbar“) einen Unterschied, ob nun auch bereits in der Überschrift einer Resolution, die im Grunde keinerlei Auswirkungen hat, von einem Völkermord geschrieben wird oder ob das nur im Text der Resolution zu finden ist. Das ist abstrus. Ein Völkermord ist immer ein Völkermord, ob das nun in einer Überschrift steht oder nicht, und es ist gleich, ob nun schon in einer Überschrift zu lesen sei, dass ich meinen Arbeitsplatz verliere, oder ob ich das erst im Text des gleichen Briefes lesen kann.

Aber Politik braucht so einen Unsinn nicht. Und wenn man sich davon löst, ist Politik nicht komplizierter und komplexer als andere Themen. Wie ich zur Kartoffel recherchieren konnte, konnte ich zur SPD recherchieren und habe für beides in etwa die gleiche, sehr kurze, Zeit benötigt. Ich habe keine „ultimative Kenntnis“ (Regierungssprecher Steffen Seibert) zu jedem politischen Thema, nicht einmal zu einem einzigen. Und dennoch diskutiere ich und beschäftige mich mit Politik. Niemand sollte sich von Blödsinn verunsichern lassen. Politik kann interessant sein. Und alles ist komplex. Wer über Feminismus oder Hygiene diskutieren kann, wird auch keine Probleme mit politischen Themen haben. Das verspreche ich. Und hält es irgendwen, der wirklich interessiert an Hygiene oder engagiert im Feminismus ist, davon ab, darüber zu sprechen, wenn ihm jemand sagt, das sei ein ziemlich komplexes Thema? Lasst es euch nicht ausreden, Politik ist nicht komplexer als die Geschichte der Kartoffel.

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7 Kommentare zu „Politik wird kompliziert gemacht – Ein Aufruf an irgendwie Desinteressierte

    1. Da ich mir noch nicht sicher bin, ob ich meinen Namen überall zu lesen bereit bin und ein komplett offenes Buch zu werden, findet man den an fast keiner Stelle. Aber wenn du z.B. mal hier (https://zornbuerger.wordpress.com/2016/03/16/die-stimmenverfallsklausel/) schauen willst, kannst du meinen Namen in der runterzuladenden Hausarbeit finden.
      Vielleicht ändert sich das mit dem Namen noch, bisher bleibe ich erst einmal nur Norman.

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    1. Nee nicht die Lehrerin im Staatsbürgerkundeunterricht. Für mich Ruth Cohn, TZI (leicht zu finden im netz)
      U.a. „Sprich nicht per man oder wir sondern per ich“
      und da gehört für mich in dem immer anonymerwedendenden „wutbürgergefasle“ zum ich auch ein gesicht, name ….
      Ich hab nämlich genug von den gesichtslosen Kommentaren. Gerade im Netz.

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      1. Sagt derjenige, dessen Avatar ein Golden Hour-Foto schmückt und sich somit auch keine Blöße gibt… 😉 Hättest du deinen Namen im Kommentar nicht erwähnt, wärst du für uns alle Mr. re:public. Auch ziemlich anonym, oder?
        Und was sagst du zum Inhalt dieses Posts?

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  1. Zum Inhalt – den finde ich gut auf den Punkt gebracht.
    Wenn ich dann noch darüberstreusle, dass die sooo komplizierten Inhalte noch mit einer arroganten Grundhaltung (jedenfalls in der BPK, in der Umsetzung der Politik durch bspw. manche Verwaltung) an die Bürger, die Gesellschaft, die da draussen gebracht werden, macht mich das ärgerlich.
    So bin ich ja auch an diesem Text hängen geblieben.
    Danke also dafür Norman. Und für den Kommentar.
    sagt Christin

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