Dass manche Leute glauben, dass man Abstimmungen proben müsse…

Was eine Abstimmung ist, sollte jedem bekannt sein, aber dass sie ab und an geprobt werden, wird sicher viele Leute überraschen. Und auch ich schüttele jedes Mal wieder den Kopf, wenn ich das Wort „Probeabstimmung“ lese und erst heute stieß ich wieder darauf.

Reiner Haseloff ist heute wiedergewählt worden; er wird also Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt bleiben. Einmal davon abgesehen, dass die Süddeutsche Zeitung versucht zu sagen, dass es peinlich sei, „erst im zweiten Wahlgang“ gewählt zu werden, stürzt sie sich wie wild auf die Neuigkeit, dass es Abgeordnete gab, die nicht mit der Wahl Haseloffs einverstanden waren und denen eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen nicht gefällt. „Abweichler, Abweichler!“, hört man sie schon rufen. Das ist ein gefundenes Fressen, denn wie jeder weiß, ist es äußerst schlimm, nicht wie jeder andere in der Partei zu stimmen.

Aber ich möchte auf etwas anderes hinaus. Die Süddeutsche schreibt nämlich auch: „Unklar ist weiter, welcher Partei oder welchen Parteien die Abweichler des ersten Wahlgangs angehören. SPD und Grüne hatten nach Angaben aus den Fraktionen in Probeabstimmungen kurz vor dem Wahlgang geschlossen für Haseloff gestimmt. Die CDU hatte auf eine Probeabstimmung verzichtet.“ Es ist nicht schlimm, wenn man nicht weiß, was eine Probeabstimmung sein soll. Und ich kann jedem nur beipflichten, dass eine solche Unfug ist.

Was die Süddeutsche hier nämlich meint, sind Abstimmungen in einer Fraktion, im Grunde Vorwahlen, die dazu dienen sollen, zu sehen, ob es böse Abweichler mit eigener Meinung gibt. Was die schlauen Medienleute und Politiker aber natürlich übersehen, ist: Man kann in der Probeabstimmung natürlich ganz anders stimmen als in der eigentlichen Abstimmung. Und das kann verschiedene Gründe haben.

1. Ist die Probeabstimmung eine offene Wahl, wird man als Abweichler erkannt, was üble Auswirkungen haben kann. Man stelle sich vor, eine Schulklasse beschließt mit dem Lehrer zusammen, ein Eis essen zu gehen, und nur einer ist dagegen, sodass auf das Eis verzichtet werden muss. Und selbst, wenn alle anderen ihr Eis trotzdem bekommen, steht derjenige mit der Eisabneigung als Außenseiter dar. „Warum willst du denn kein Eis? Mann!“ Was die Folgen für den armen Kerl sind, kann man sich ausdenken, und in der Politik sieht es ähnlich aus.

2. Ist die Probeabstimmung geheim, so wird, bei Gegenstimmen, versucht, herauszufinden, wer die Abweichler waren. Sie müssen schließlich auf Kurs gebracht werden, damit sich keine von den Medien als peinlich dargestellt werdenden Dinge ereignen. Uneinigkeit in einer Partei rangiert in der Beliebtheitsskala der Bevölkerung dank der Medien ja ungefähr zwischen Kim Jong-un und Hodenkrebs. Auch im Geheimen drohen also Sanktionen und man wäre wieder bei Grund 1.

3. In der Probeabstimmung gegen etwas zu stimmen, hat direkt keine Auswirkungen auf das Ergebnis der eigentlichen Abstimmung. Erst dort bringt es tatsächlich etwas, dagegen zu stimmen. Und stimmt man vorher noch dafür, so erwartet anscheinend auch niemand, dass es in der richtigen Abstimmung anders sein könnte, so dass man unbehelligt seine Meinung in Form der Stimme abgeben kann.

Doch allein die Idee, sich mit der Fraktion in einen Raum zurückzuziehen, und zu fordern, dass jeder einmal seine Stimme so abgebe, wie er es ein paar Stunden später zu machen gedenk, ist schon unsinnig. Was soll das? Und was soll das, wenn die Probeabstimmung geheim ist? Wenn jemand gegen „die Parteilinie“ stimmen will, so wird er das tun, gleich, ob die Wahl schon einmal geprobt wird.

Eine Probe ist dann sinnvoll, wenn man etwas gelernt hat und sich selbst oder andere sich vergewissern möchten, ob man das auch kann. Deshalb gibt es Klausuren, deshalb gibt es Lehrproben, deshalb gibt es Gesellenprüfungen. Wenn Politiker sich aber vergewissern wollen, ob ihre Parteifreunde gelernt haben, die Hand zu heben, dann muss man sich wohl Sorgen um ihren geistigen Zustand machen, nehmen sie doch an, dass das nicht jeder könne. Oder vielleicht muss man sich um den geistigen Zustand aller sorgen, wenn diese Annahme berechtigt wäre. Wer weiß?

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