Wieder an den Deutschen vorbeigerollt

Gestern fanden in Irland die Wahlen zum Dáil Éireann, der bedeutenderen der beiden Parlamentskammern, statt. Nachdem die Fine Gael und die Irish Labour Party 2011 durchaus erfolgreich waren und nach der Wahl eine Koalition bildeten, stürzten die Umfragewerte beider Parteien im Laufe der Legislaturperiode immer weiter ab. Profitieren konnten die Fianna Fáil, die lange Zeit die stimmstärkste Partei in Irland darstellte, sowie die Sinn Féin, die recht nationalistisch ist, gleichzeitig aber ziemlich linke Forderungen hat.

Da die Stimmauszählung in Irland aufgrund des recht komplizierten Wahlsystems (mit single transferable vote), das ich aber für sehr gelungen halte, relativ lang dauert, sind bisher nur Schätzungen der Prozentzahlen, was die Erstpräferenzen, die nur bedingt viel Aussagekraft haben, angeht, veröffentlicht worden. Dennoch zeichnet sich ein interessantes Bild ab. Die Fianna Fáil verdoppelt wohl ihren Stimmanteil und erhielt fast so viele wie die Fine Gael, die Labour bleibt weit hinter der Sinn Féin zurück, Unabhängige sind nach wie vor sehr erfolgreich.

Was das Bilden einer Regierung angeht, wird es nun wohl recht schwer. Für eine „Große Koalition“ zwischen Fine Gael und Fianna Fáil könnte es reichen, doch sie wird von beiden Parteien aus ideologischen Gründen, die vor allem in der Historie zu suchen sind, abgelehnt. Die Koalition zwischen Fine Gael und Labour wird nicht fortgesetzt werden können, da beide Parteien nicht genug Sitze erhalten werden. Ich bin gespannt, ob die Sinn Féin an der Regierung beteiligt wird, oder ob man versuchen wird, sich auf die zahlreichen kleinen Parteien und Unabhängigen zu stützen. Da sowohl die Sinn Féin als auch die meisten der kleinen Parteien eher links der Mitte stehen, könnte das die liberale Fianna Fáil oder die eher konservative Fine Gael durchaus nach links ziehen.

Was ich aber vor allem anmerken möchte, ist wieder einmal die Berichterstattung deutschsprachiger Medien. Irland ist Mitglied der Europäischen Union und war in der Finanzkrise oft in aller Munde, da es dem Land wirtschaftlich eher schlecht ging. Es stabilisierte sich im Großen und Ganzen aber wieder und war daraufhin keine Erwähnung mehr wert. Und schaut man nun in die Onlineversionen der Zeitungen, so liest man noch immer kein Wort. Stattdessen lautet der Titel der ersten Meldung bei sueddeutsche.de aus München heute Morgen „Der neue Fifa-Präsident ist Blatter light“, bei nzz.ch aus der Schweiz „Fifa noch nicht aus dem Schneider“ und beim österreichischen Standard (standard.at) „Clinton, auf gewisse Weise eine amerikanische Angela Merkel“. Wie ich schon einmal anmerkte, bleibt die Berichterstattung zu Wahlen in EU-Staaten in ihrer Bedeutung für die Medien (und damit auch für deren Leser) hinter der zu den parteiinternen Vorwahlen in den USA zurück. Und nicht nur das, auch der Sport scheint wichtiger als die Politik zu sein! Ich warte auf den Tag, an dem der Präsident der FIFA und der des Internationalen Olympischen Komitees sich in den USA zu Weltherrschern aufschwingen wollen und dortige Fernsehsender Debatten zwischen beiden übertragen werden. Die deutschsprachigen Medien wären sicher begeistert.

 

Nachtrag (29.02.2016): Den bisherigen Ergebnissen, die noch nicht vollständig sind (vier Wahlkreise sind noch weiter auszuzählen), nach, könnte es letztlich aus Mangel an Alternativen unter Umständen doch zu einer Koalition aus Fianna Fáil und Fine Gael kommen. Tatsächlich hat es nach der Wahl keine der beiden Parteien mehr ausgeschlossen.

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