Tilo Jung und die Bundespressekonferenz

Seit heute genau drei Jahren gibt es ein Projekt, das ich sehr wohlwollend betrachte, und welches ich auch schon finanziell unterstützte: Jung und Naiv (https://www.youtube.com/user/Nfes2005). Der Journalist Tilo Jung hat am 07.02.2013 das erste Video dieser Reihe, welche nun bereits mehr als 250 Folgen aufweist, bei YouTube hochgeladen. Dabei schlüpft der Namensgeber in die Rolle eines naiven und uninformierten jungen Menschen, und führt in dieser Interviews mit anderen Journalisten, Politikern und weiteren Personen (etwa dem Regierungssprecher, einem Angehörigen des tibetischen Parlaments im Exil oder Jacob Appelbaum) auf Deutsch oder Englisch in Bezug auf das jeweilige (Fach-)gebiet der befragten Person. Das Besondere dabei ist, dass keine Fremdwörter gebraucht werden dürfen oder sie zu erklären sind, dass die Befragten geduzt werden und, insbesondere in neueren Ausgaben, die Interviews ungewöhnlich lang dauern, zum Teil, mit über soziale Medien gesammelten Fragen, über zwei Stunden. Unterstützung erhält Tilo Jung dabei von Alexander Theiler und Hans Hütt sowie von den sogenannten Jung und Naiv-Ultras.

Auch wenn der Untertitel der Reihe „Politik für Desinteressierte“ lautet, wird selbstverständlich ein gewisses Interesse im Publikum für die Politik angenommen (es schauen sich wohl nur wenige Leute Videos über Politik an, wenn sie keinerlei Interesse darin haben), Vorwissen ist jedoch aufgrund des Fremdwortverbots und häufig ausreichend langer Erläuterungen der Befragten von ihnen selbst aus kaum nötig.

Tilo Jung ist Mitglied der Bundespressekonferenz (meist als BPK abgekürzt), einem Verein der Hauptstadtjournalisten in Berlin. Dieser veranstaltet regelmäßig drei Mal in der Woche die sogenannte Regierungspressekonferenz, zu der sowohl der Sprecher des Bundeskanzlers bzw. des Kanzleramtes als auch die der Ministerien geladen werden, die dort den Vereinsmitgliedern und den Mitgliedern des Vereins der Ausländischen Presse in Deutschland Rede und Antwort zu stehen haben. Fast alles, was die Regierung verlauten lässt und etwa in den Fernsehnachrichten oder Tageszeitungen zu lesen ist, berichten die jeweiligen Sprecher hier. Nach eigenen Angaben ist die Bundespressekonferenz, wie sie ist, einmalig auf der Welt, da sie es ist, die einlädt. An allen anderen Orten sind es die Politiker, die die Presse einladen.

Das Team von Jung und Naiv lädt seit einiger Zeit Videomitschnitte der Regierungspressekonferenzen bei YouTube hoch. Möchte man also eine unverfälschte Version der Nachrichten in Bezug auf das, was die Regierung von sich gibt, sehen, ist es sinnvoll, sich diese anzuschauen. Medien verdichten und interpretieren, was manche für eine ihrer Aufgaben halten, aber den Wortlaut und die Mimik und Gestik der Sprecher sieht man im Original der Pressekonferenzen. Bis vor kurzem war es ausschließlich über Jung und Naiv möglich, sich diese Pressekonferenzen anzusehen, doch seit diesem Jahr gibt es auch einen Livestream des Vereins; diesen jedoch gibt es wiederum nur für Vereinsmitglieder. Ich halte das Projekt „Bundespressekonferenz für Desinteressierte“ für das bedeutendste des Teams. Die Gründe sind auf der einen Seite die Verlautbarungen der Regierung und die Einblicke in diese, die man praktisch nur über die Bundespressekonferenz erhält, sowie auf der anderen Seite die hohe Frequenz, in der das geschieht. Selbstverständlich stellt Tilo Jung als Vereinsmitglied auch selbst kritische Fragen an die versammelten Sprecher.

Ich selbst habe mir die Arbeit des Jung und Naiv-Teams zum Anlass genommen, (fast) jede Regierungspressekonferenz per Twitter (https://twitter.com/Zornbuerger) unter dem Hashtag #BPK (BundesPresseKonferenz) kurz zu kommentieren, wobei ich meist, direkt oder indirekt, einen Sprecher zitiere, oder mich anderweitig ein wenig über die komische Art der Antworten lustig mache. Ab und an nehme ich dabei auch Bezug auf für mich Bedeutendes und Erschreckendes.

Nicht aussparen möchte ich den Aufwachen-Podcast (http://aufwachen-podcast.de), den Tilo Jung und der Soziologe Stefan Schulz betreiben. Hier werden Teile von Fernsehnachrichten, meist aus den öffentlich-rechtlichen Medien, kommentiert und kritisiert; man beschäftigt sich aber auch mit anderen Themen wie etwa den derzeit laufenden Vorwahlen in den Vereinigten Staaten oder diskutiert mit Gästen.

Ich möchte Tilo Jung und seinem Team für die große Mühe danken. Das Projekt Jung und Naiv halte ich für ein sehr bedeutendes in der Medienlandschaft, wobei ich den Fokus auf die Bundespressekonferenz-Videos legen möchte. Für alle, die auch nur halbwegs politisch interessiert sind oder Medien in irgendeiner Weise spannend finden, lohnt sich ein Blick in diese, sowie auch in die Jung und Naiv-Videos oder den Aufwachen-Podcast. Ich selbst verfolge alle drei Projekte mit großem Interesse.

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2 Kommentare zu „Tilo Jung und die Bundespressekonferenz

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