Kulturenvergötterung

In der Japanologie zu Trier erlebe ich ein gewisses Phänomen ziemlich häufig. Vielleicht liegt es gerade an dem Land Japan, aber ich begegne vielen Leuten, die die japanische Kultur und das japanische Leben über alles stellen, geradezu vergöttern und meinen, es ihrerseits auch hier leben zu müssen, wiewohl sie, da sie, wenn überhaupt, nur über einen relativ kurzen Zeitraum dort lebten, nur über einen bedingten Zugang zu dieser Kultur verfügen.

Diese Einstellung bezeichne ich als dumm und stehe auch hinter dieser Meinung. Es ist kaum möglich, eine fremde Kultur in einem Land zu leben. Die Gegebenheiten sind andere, da die Kultur dieses Landes viel zu sehr überwiegt. Und wenn versucht wird, die japanische Kultur in Deutschland zu leben, ist das noch weitaus schwieriger, als entschiede man sich für die Kultur der Polen, weil die Unterschiede wohl weitaus größer sind. Möchte man aber eine fremde Kultur zelebrieren, obwohl man sich im eigenen Mutterland befindet, wird das geradezu unmöglich. Die Einflüsse des Landes, in dem man aufwuchs und dessen Kultur man annahm, sind zu groß.

Letzten Endes führt das zu Merkwürdigkeiten, meist dazu, dass man, beim japanischen Beispiel bleibend, japanischer zu werden versucht, als Japaner es sind. Der neu gekaufte Kimono muss getragen werden; man will ihn schließlich zeigen, man möchte präsentieren, wie japanisch man ist, und so entschließt man sich, ihn auf einer der Feiern der Japanologie, die an japanischen Feiern (oder Besäufnissen) orientiert sein sollen (aber praktisch bis auf den Namen nichts mit ihnen gemein haben), zu tragen, obwohl dies auch in der japanischen Kultur abnormal wäre. Andere Leute schreiben Dinge in sozialen Netzwerken auf Japanisch, ohne dass irgendjemand, der der deutschen Sprache nicht mächtig wäre, dies zu lesen bekommt; man muss ja zeigen, was man nun alles kann.

Ein Großteil der Verehrer begibt sich auch in den Nationalismus, der ein entsprechendes Land großredet. Dies drückt sich schon im Kleinen aus: „Hurra, hurra! Die japanische Nationalmannschaft im [beliebige (wohlgemerkt in Deutschland zumindest halbwegs) populäre Sportart] hat gewonnen!“ Wieso? Nationalismus halte ich immer für etwas sehr Krudes; selbstverständlich auch, wenn er sich auf das Mutterland bezieht. Weshalb muss man ihn dann auch noch auf ein anderes Land beziehen? Enden tut das mit Aussagen wie: „Die Chinesen schicken schon wieder Schiffe in japanisches Seegebiet [Senkaku/Diaoyu; ist das nun japanisches Gebiet? nach Meinung der Nationalisten auf jeden Fall]! Es wird Zeit, dass die Japaner mal antworten, so geht das ja nicht weiter! Gut, dass die Verfassung geändert wird bzw. wurde.“ Wundervoll…

Ich habe selbstverständlich kein Problem damit, wenn man gern japanische Gerichte kocht, eine japanische Zeitung liest, um etwas über das Geschehen dort zu erfahren (denn in der deutschen Medienlandschaft existiert Japan im Grunde ja nicht) und um die eigenen Sprachfähigkeiten zu verbessern, oder in seiner Freizeit Syougi spielt. Das Problem entsteht, wenn jemand Udon isst, weil sie eine japanische Speise darstellen, die Mainiti Sinbun (Eigenbezeichnung: Mainichi Simbun) liest, weil sie aus Japan ist, Syougi spielt, weil es japanisch ist. Es ist in Ordnung, wenn man eine Kultur schätzt, da einem Teile dieser Kultur gefallen, aber jeden Teil einer Kultur zu mögen, sogar zu vergöttern, da sie alle dieser Kultur entstammen, ist unsinnig und falsch.

Wie erwähnt liegt es vielleicht tatsächlich an der japanischen Kultur und den Studenten der Japanologie, dass sie so japanisch werden wollen wie möglich und gern bereit sind, unangenehme Details der japanischen Kultur und des Alltags des Landes ausblenden, aber zum Teil gilt das sicher auch für viele andere Menschen (und es muss nicht zwangsläufig ein passendes Fach studiert werden; dies ist viel mehr ein Symptom, als eine Ursache).

Ich interessiere mich auch für Kulturen anderer Länder, etwa die Japans oder Irlands, aber muss ich deswegen im Happi herumlaufen oder jeden Abend ein Stout aus einer irischen Brauerei trinken? Sicherlich nicht.

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Ein Kommentar zu „Kulturenvergötterung

  1. Ich denke, dass es hierbei auch wichtig ist, sich mit dem Begriff der „Kulturellen Aneignung“, wohl besser bekannt als „Cultural Appropriation“, auseinanderzusetzen. Nachdem ich mich mit diesem Begriff beschäftigt hatte, fielen mir umso mehr Personen in meinem Umfeld auf, die Elemente von Kulturen annehmen, weil es eben einfach „ästhetisch“ ist (z.B. ein Aufdruck der Hindu-Gottheit Ganesha auf einem Jutebeutel, den ich letztens im Bus sah).
    Ganz zu schweigen, von all den Leuten, die sich Sachen in einer Sprache tättowieren lassen, zu der sie keine Verbindung haben. Das Argument „Ich studiere Japanologie, also verstehe ich ja mein Tattoo und darf es tragen!“ finde ich dabei recht lächerlich. Man benutzt es ja immer noch rein für die Ästhetik, worauf eine Sprache allein niemals reduziert werden sollte. Auch ich bin ganz froh, mich demnächst von meiner Klischee-Bettwäsche mit Kanji und Drachen zu verabschieden.

    Dieses Thema ist so komplex, dass ich es schon fast unmöglich finde, alles in dieser Kommentarfunktion zu vereinen. Deshalb sollte sich jeder informieren, ob man selbst und auch die Leute im eigenen Umfeld „Cultural Appropriation“ oder „Cultural Appreciation“ betreiben.

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