Jürgen Zurheide und die Kunst des Interviews

Ich habe gerade, fürchte ich, eines der merkwürdigsten Interviews meines Lebens gehört. Jürgen Zurheide vom Deutschlandfunk sprach mit Christian Nestler über die heute stattfindende Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Nestler ist hier nicht viel vorzuwerfen, ganz im Gegenteil, wie sich zeigen wird, aber ich frage mich wirklich, was Zurheide sich bei seinen Äußerungen während dieses Interviews dachte. Der scheint seine Hörer für ziemlich dumm und sich selbst für hochintelligent und allerbestens informiert zu halten.

Der erste Satz Zurheides im direkten Gespräch ist schon wirklich absurd: „Fangen wir zunächst mal an mit Mecklenburg-Vorpommern – ich glaube, das ist nicht böse, wenn ich jetzt frage, das Land ist ja nicht so bekannt […]“. Das mag, bis dahin, nicht böse sein, aber komisch. Mecklenburg-Vorpommern soll nicht bekannt sein? Unter welchen Personen? Jeder Deutsche, der über sechs Jahre alt ist, wird ja wohl mal von Mecklenburg-Vorpommern gehört haben! Und für einen Bolivier wird das Bundesland auch nicht unbekannter als Brandenburg sein. Dämliche Aussage, aber „böse“, zumindest leicht sarkastisch oder zynisch, wird Zurheide erst danach: „[W]enn ich es jetzt in der Kurzfassung sage: landschaftlich reizvoll, aber wirtschaftlich eher schwach, eine Menge Einwohner verloren, früher mal zwei Millionen, jetzt nur noch 1,6 Millionen. Was habe ich vergessen?“ Nestler stimmt den zu, betont aber auch, „dass die Arbeitslosigkeit sukzessive zurückgeht, und in den letzten, ich glaube, ein, zwei Jahren hatten wir auch wieder einen Wanderungsgewinn.“

Zurheide möchte das aber gar nicht hören: „Kommen wir auf das – Sie haben es jetzt gerade schon angesprochen –, was eigentlich in den letzten 25 Jahren, also nach der Wende, passiert ist. Kann man das noch etwas präziser zusammenfassen?“ Was soll Nestler präziser zusammenfassen und wie? So „präzise“, wie sie es taten, Herr Zurheide?

Nestler gibt sich Mühe, spricht von Politik und Wirtschaft – und plötzlich scheint ein Schnitt stattgefunden zu haben, denn man hört wieder Zurheide: „Christian Nestler, Universität Rostock – Herr Nestler, wir waren gerade dabei zu sagen, was sich eben in den letzten 25 Jahren verändert hat.“ Ich habe das Interview nicht im Radio gehört, sondern nur als Podcast, also kenne ich den Hintergrund des Schnitts, vielleicht wurden zwei Telefonate geführt, nicht, aber er wirkt schon sehr komisch. Zurheide versucht, das Thema wieder aufzunehmen, was wiederum komisch klingt: „Sie hatten gesagt, ja, im Tourismus hat sich einiges bewegt, und inzwischen kommen auch wieder mehr Menschen. Jetzt sind Sie dran, bitte schön.“ Wäre ich Herr Nestler, so hätte ich wohl geantwortet: „Ach, Sie gestatten mir, etwas zu sagen?“ In einem Gespräch, Herr Zurheide, ist es für gewöhnlich nicht nötig, dem anderen zu sagen, dass er jetzt sprechen dürfe. Sie hätten nur eine Pause machen müssen und Herr Nestler hätte sicher gesprochen, wie das ja auch sonst ganz gut funktioniert hat.

Nestler wiederholt, wohl aufgrund der zwei Telefonate, nun, was er in seinem vor dem Schnitt gesprochenen Satz bereits sagte, spricht wieder von Wirtschaftspolitik. Aber Zurheide möchte auch das nicht hören: „Das, was wir gerade besprochen haben – so ist zumindest meine Beobachtung hier aus der Distanz, aus der westlichen Sicht –, spielt das eigentlich weniger eine Rolle.“ Ich sitze hier ja in Nordrhein-Westfalen und nicht am Arsch der Welt wie du, du oller Ossi! Aber: „Ist das richtig oder falsch beobachtet?“ Das ist das, was die Medien seit weit über einem Jahr über ganz Deutschland sagen und jedem Deutschen einzureden versuchen , Zurheide! Worauf wollen Sie wohl hinaus? Natürlich: „Kommen wir auf das, was für die Menschen jetzt bei der Wahl wichtig ist.“ Na, wer kommt drauf? Will da etwa jemand über Flüchtlinge sprechen? Merkt euch das, das wird noch lustig.

Nestler ärgert Herrn Zurheide aber weiter, schenkt Zurheide keine Worte zu dessen Lieblingsthema: „Das ist gleichzeitig richtig und falsch beobachtet.“ Er spricht nun über die Zufriedenheit der Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns, die niedrige Wahlbeteiligung der letzten Landtagswahl, kommt aber letztlich doch nicht umhin, anzuführen, dass Wähler „jetzt offensichtlich ihren Unmut auch an die Wahlurne tragen.“

Und da ist Zurheide glücklich. Und wirkt nicht nur aufgeblasen, sondern richtig dumm: „Und Unmut, da wissen wir alle, was damit gemeint ist, das sind die möglicherweise hohen Ergebnisse der AfD, ohne da jetzt zu viel drüber zu reden – manchmal machen wir das wahrscheinlich auch falsch –, da scheint ja das beherrschende Thema zu sein, wird die AfD vielleicht sogar vor der CDU liegen.“ Mein lieber Herr Zurheide, was ist denn das plötzlich für ein Gestammel? Das ist doch Ihr Lieblingsthema, darüber wollten Sie doch sprechen, nicht wahr? Obwohl Sie merken, dass das bescheuert ist. Sie und so viele andere Medien machen das nämlich nicht „manchmal“ sondern, wie schon gesagt, seit einiger Zeit durchgehend falsch! Sie reden da die ganze Zeit „zu viel drüber“. Außerdem ist es absurd, jemandem vorgaukeln zu wollen, dass sie gar nicht über dieses Thema sprechen wollen. Hören Sie sich doch einmal selbst, was sie in dem Interview bisher sagten, um auf die AfD und die Flüchtlinge zu kommen!

Nestler versucht weiterhin, Schadensbegrenzung zu betreiben und merkt an, dass „Geflüchtete, Zuwanderung, Integration“, „was eigentlich seit einem Jahr auch medial beherrschend ist“ (ein feiner und nicht der letzte Seitenhieb), nicht das einzige Thema der AfD ist, sondern sie „sehr viel breitere Themenfacetten präsentiert und halt viele Leute anspricht.“

Zurheide möchte aber mit seinem Wissen prahlen und geht lieber gar nicht auf das von Nestler Angesprochene ein, denn die AfD muss schließlich immer mit Flüchtlingen verbunden werden. Immer. Die darf keine anderen Themen haben. „Die AfD, so lese ich es auch, hat ein Stück weit die Linke als Protestpartei abgelöst – ist das eine richtige Beobachtung?“ Sagen Sie doch mal, Herr Nestler, dass ich Recht habe! Nestler stimmt zu.

Aber, Herr Nestler, „[w]ie ist eigentlich zu erklären, dass in einem Land, wo der Ausländeranteil, ich glaube, unter zwei Prozent liegt, also so niedrig wie in keinem anderen Bundesland, dass dieses Metathema so wichtig ist?“ Ich weiß sogar, wie hoch der Anteil ist, sehen Sie? Ich habe mich auf das Interview vorbereitet, gebe es aber lieber nicht direkt zu und sage lieber „glaube ich“. Und „[a]ls Politikwissenschaftler, haben Sie da eine Erklärung für?“ Sie sind doch auch so schlau! Und nicht nur, weil sie von da aus dem Osten kommen, sondern da sie Politikwissenschaftler sind.

Nestler lässt sich aber nicht abschrecken und sagt das exakt Richtige: Die Medien und das Aufblasen des Flüchtlingsthemas sind schuld. Also Sie, Herr Zurheide. Aber diesmal merkt dieser das nicht. Stattdessen muss er wieder zu Stimmanteilen kommen. Hintergründe sind egal, es geht nur um Einfaches und Vordergründiges: „Und die CDU scheint in diesem Fall ganz besonders zu leiden. Es ist ja eigentlich das Heimatland von Angela Merkel, die ist kein Zugpferd im Moment. Ist das so?“ Ja, Herr Nestler, ist auch das, was man mir vor dem Interview sagte, richtig? Ich bin schlau, oder?

Nestler versucht zu erklären, dass das stimmen mag, aber wir es mit Landespolitik zu tun haben und die Aussagen Caffiers von großer Bedeutung sind, aber was er genau sagt, interessiert Zurheide dann wieder nicht. Die Zeit drängt und „[j]etzt haben wir über die SPD noch gar nicht gesprochen.“ Und dazu weiß ich auch ganz viel! „Der Ministerpräsident ist ja selbst ein Zuwanderer, aber er scheint es ein Stück weit zu ziehen. Es gab schlechtere Umfragewerte: Inzwischen liegt die SPD wieder vorne, schwächer als vorher, aber sie liegt deutlich vorne. Ist das so ähnlich wie in Rheinland-Pfalz – auf den letzten Metern macht es dann der Kandidat, in Rheinland-Pfalz war es die Kandidatin, hier ist es dann möglicherweise der Kandidat?“

Und wieder haut Nestler auf die Medien ein, stellt in seinem letzten Beitrag des Gesprächs noch einmal fest, dass vor allem in den Medien Wahlkampf stattfindet, „maximale Personalisierung für Herrn Sellering“ die SPD-Kampagne ausmachte, dieser aber „in den überregionalen Medien ja durchaus auch eine ambivalente Flüchtlingsposition“ vertrat. Wieder die Medien. Zurheide hat davon genug und beendet das Gespräch. Zum Glück.

Herr Zurheide, das ist, glaube ich, das erste Mal, dass ich etwas von Ihnen höre. Tun Sie immer so schlau? Und würgen Sie, wenn es wichtig wird, immer den Gesprächspartner ab, da sie Relevantes gar nicht hören wollen?

Und, Herr Nestler, Sie haben Recht, mit dem was sie sagen. Das quasi einzig Relevante im Wahlkampf sind die Medien und der Grund für die Stärke der AfD ist das Aufblasen der Flüchtlinge zu einem Riesenthema, das auch noch immer mit der AfD verknüpft wird. Leute wie Herr Zurheide sind schuld und obwohl sie es selbst anscheinend merken, machen sie einfach damit weiter: Aber vielleicht lernen sie es ja auch irgendwann. Erinnern Sie sie bitte weiterhin daran.

„Wer die Verfassung ändert und LDP wählt, ist kein Demokrat!“, sagt Sven Saaler

Michael verwies heute auf einen Text in der Zeitschrift „Internationale Politik und Gesellschaft“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, dessen Titel lautete: „Verfassungsänderung? Is mir egal… Japans politische Apathie könnte sich bitter rächen“. Geschrieben wurde er von Sven Saaler, laut seinem Profil auf der Seite der Zeitschrift „Professor für moderne japanische Geschichte an der Sophia-Universität“ in Toukyou.

Unter der Überschrift, dem Autorennamen und dem Veröffentlichungsdatum prangt ein Bild von vier in einer U-Bahn schlafenden Schülerinnen, das anscheinend ein Symbol für die „politische Apathie“ aus der Überschrift darstellen soll. Nach einem Schul- und Lerntag, wie sie ihn vermutlich hinter sich haben, sähe ich auch so aus und ich stecke sicherlich nicht in politischer Apathie. Was die Bildunterschrift „Roboter mit Senf…is mir egal“ außerdem bedeuten soll, bleibt offen. Ich erkenne zumindest keinen Sinn darin.

Der Text ist datiert auf den 11.07.2016 und beschäftigt sich mit der Sangiin-Wahl vom Vortag und wird damit eingeleitet, dass „die Parteien der regierenden Koalition von Premierminister Shinzo Abe erneut einen deutlichen Sieg errungen“ haben und nun in beiden Parlamentskammern über Zweidrittelmehrheiten verfügen.

Nun widmet sich der Text der relativ geringen Wahlbeteiligung, ohne sie zu nennen (sie scheint 54,69% der Wahlberechtigten betragen zu haben), springt dann aber zu einem Thema, das wohl eines der Hauptthemen des Textes darstellen soll: „Trotz weit verbreiteter Klagen über die Wirtschaftslage und schlechte Indikatoren ist der Wunsch nach einem Politikwechsel offenbar nur schwach ausgeprägt.“ Wieso wählen die da weiterhin die LDP, obwohl das ja anscheinend nichts bringt?

Die „weit verbreiteten Klagen“ haben sich dann einen Satz später auch schon wieder erledigt, denn „[i]n Umfragen vor der Wahl bestätigten mehr als 70 Prozent der Befragten, dass sie selbst keine finanziellen Probleme hätten, während sich nur 24 Prozent kritisch über ihre wirtschaftliche Lage äußerten“.

Nächstes Argument dafür, dass die LDP noch an Stimmen gewann, nämlich dass die Opposition keine Alternative biete, ist noch merkwürdiger untermauert: „Das mag teilweise daran liegen, dass die Oppositionsparteien wenig Gelegenheit hatten, sich im Wahlkampf zu profilieren.“ Wenn der Wahlkampf nicht funktioniert, bietet eine Opposition keine Alternative? Was ist denn das für eine dämliche Begründung?

Angesichts der Tatsache, dass der folgende Satz sogar besonders hervorgehoben ist, muss er wohl auch besonders wichtig sein: „Da eine hohe Wahlbeteiligung eher der Opposition zugute kommt, war die politische Apathie im Vorfeld der Wahl von der rechtsgerichteten Regierung Shinzo Abes bewusst geschürt worden.“ Aha, denkt man sich. Wie denn das? Herr Saaler klärt den Leser auf: „Es gab nur eine einzige offizielle Debatte der Parteivorsitzenden und nur wenige Auftritte der politischen Führungspersönlichkeiten in Fernsehsendungen.“ Debatten der Parteivorsitzenden und Auftritte der Parteioberen sind nämlich das, was politische Apathie verhindert, habe ich das richtig verstanden? Das einzig Relevante ist das, was die Parteiführer sagen?

1. Herr Saaler, Sie scheinen ja in Japan zu leben und vielleicht bekommt man dort nicht soviel von ihr mit (ich hatte damit aber während meiner Zeit in Japan keine Probleme), aber haben Sie in den letzten 11 Jahren einmal etwas Inhaltsreiches von Frau Merkel gehört? Ich nicht. Und das ist es, was politische Apathie fördert. Wenn da etwas gesagt wird, das keinen Inhalt hat.

2. Wieso führen Sie, Herr Saaler, eigentlich nur die „offizielle[n] Debatte[n] der Parteiführer“ an? Das ist sicher nicht das Einzige, was in den Medien stattfand und somit zur Bevölkerung getragen wurde, oder? Wahlkampf verläuft vielmehr indirekt in den Nachrichten. Gab es eigentlich noch weitere Debatten der Parteivorsitzenden, die nicht offiziell waren? Gab es eigentlich noch weitere Debatten, an denen nicht die Parteivorsitzenden beteiligt waren? Wären die nicht auch eine Erwähnung wert?

Aber es geht noch weiter: „Die Hauptnachrichtensendung des staatlichen Senders NHK, seit Jahren unter wachsender Kontrolle der Regierung, verzichtete zwei Tage vor der Wahl vollständig auf Berichterstattung darüber.“ Das ist der direkt auf das letzte Zitat folgende Satz. NHK berichtet in der Hauptnachrichtensendung zwei Tage vor der Wahl, also am 08.07., nicht von der einzigen offiziellen Debatte der Parteivorsitzenden und den Auftritten politischer Führer in Fernsehsendungen. Ja, wieso denn auch? Oder wurde an diesem Tag nicht von der bevorstehenden Wahl berichtet? Ja, wieso denn auch? Sie hatte ja noch nicht stattgefunden!

Einen Beleg, wieso „eine hohe Wahlbeteiligung eher der Opposition zugute“ kommen soll, habe ich im Übrigen noch immer nicht erhalten und ich wage diese These auch zu bezweifeln.

Der folgende Absatz liest sich auf den ersten Blick wie eine Aneinanderreihung von Fakten, aber tatsächlich ist da auch einiges komisch. Saaler zählt nun auf, dass die LDP nun 121 Sitze, die Koumeitou 24 Sitze und weitere Parteien, die für eine Verfassungsänderung sind, 15 Sitze errangen. Wer diese kleineren Parteien sind, erfährt man nicht, dafür liest man aber von den schon seit einiger Zeit in der Marginalität verschwundenen Sozialdemokraten, die nur noch zwei Mandate erringen konnten (auch nur prozentual deutlich weniger als vorher). Ziemlich lustig ist auch, dass Saaler schreibt: „Die oppositionelle Demokratische Partei verlor demgegenüber Sitze und verfügt nurmehr über 49 (ein Verlust von elf Sitzen).“ Was ist daran lustig? Die „Demokratische Partei“ (民主党; Minsyuutou) gibt es seit März nicht mehr, da sie mit der Isin no Tou fusioniert hat und so die „Demokratisch-Progressive Erneuerungspartei“ (民進党; Minsintou) entstand, was aber Herrn Saaler entgangen zu sein scheint.

Ob man Herrn Saaler für den sich anschließenden Absatz kritisieren will, sei jedem selbst überlassen. Die merkwürdige Gegenargumentation gegen eine LDP-Aussage, die Kritik an Politik „ohne Rücksicht auf Kritik von der Opposition oder Großdemonstrationen der Bevölkerung“ geben zumindest Anlass, das Wissen Herrn Saalers anzuzweifeln, denn Letzteres ist vielerorts üblich, es sei etwa auf das Thema TTIP verwiesen.

„All dies [Inhalte eines Verfassungsentwurfs des LDP von 2012] ist in der japanischen Gesellschaft heftig umstritten, wurde aber im Wahlkampf kaum thematisiert, entsprechende Diskussionen vielmehr bewusst vermieden.“ Das ist der erste Satz des nächsten Absatzes. Ich verweise auf andere Textpassagen, um mit Saalers eigenen Worten dagegen zu halten: „In diesem Jahr kam der Wahl allerdings große Bedeutung zu, da es um die Zweidrittelmehrheit für die Regierung Abe und seine Liberaldemokratische Partei (LDP) ging. Eine Zweidrittelmehrheit ist notwendig, um eine Revision der Verfassung einzuleiten, die dann in einer Volksabstimmung bestätigt werden muss“ oder „allerdings ist weithin bekannt, dass der Parteivorsitzende Shinzo Abe seit Jahrzehnten die Verfassungsrevision als Kernstück der ‚Befreiung Japans vom Nachkriegsregime‘ propagiert und Lobbygruppen unterstützt, die sich diesem Ziel verschrieben haben“. Auch zwei Absätze weiter findet man einen wiederum von Saaler selbst gebrachten Gegenbeweis: „Ob die Diskussion über die zukünftige Form der Verfassung weiterhin so offen geführt wird wie bisher, ist fraglich“.

Dräuend muss Saaler nun enden: „All das verheißt nichts Gutes für die Zukunft der Demokratie in Japan. Ein Erwachen breiterer Teile der Bevölkerung aus der politischen Apathie erscheint angesichts der geringen Konfrontationsbereitschaft der Medien unwahrscheinlich. Die entscheidende Frage für Japans Zukunft wird letztlich sein, ob sich ausreichend Demokraten finden, die sich bedingungslos für die Bewahrung der Demokratie einsetzen.“ Demokraten, erhebt Euch! Die Verfassung darf nicht geändert werden! Aber die Demokraten scheinen nicht da, sie sind ja apathisch. Und die zukünftigen Vielleicht-Demokraten schlafen im Zug und träumen von Robotern mit Senf. Oder so.

Herr Saaler, was wollen Sie mir mit diesem kruden Text sagen? Ich verstand, dass die Japaner nicht ihre Verfassung ändern dürfen, nicht alle LDP wählen sollen und, wenn sie beides doch tun, keine Demokraten sind, sondern „apathisch“ Politik ignorieren. Ist es das, was sie auszudrücken versuchen?

Ich bin ja auch kein Freund der derzeitigen Regierungskoalition und würde mich nicht über eine Verfassungsänderung nach Geschmack der LDP freuen. Aber legen Sie das ganze doch das nächste Mal mit guten Argumenten dar. Und ohne Fehler.

Die „Berliner Erklärung“

Der Sicherheitswahn der CDU und CSU ist ja oft maßlos übertrieben, aber die „Berliner Erklärung“ schlägt dem Fass wirklich den Boden aus. Die Innenminister der beiden Parteien haben sich da nämlich für richtigen Mist ausgesprochen.

1. Verbot der „Vollverschleierung“
Wie kann man sich herausnehmen, den Leuten vorzuschreiben, was sie zu tragen haben, gleichzeitig aber ablehnen, den Leuten vorzuschreiben, was sie zu essen haben? Ich halte diese Vorschriften allesamt für frech, mir hat niemand so etwas vorzuschreiben. Das ist ein Eingriff in persönliche Freiheiten, und obendrein einer, der gar nichts nützt. Wenn das eine Reaktion auf die Taten in Würzburg und Ansbach sein soll, dann frage ich mich wirklich, wie man auf so einen Unsinn kommt. Waren die Täter dort „vollverschleiert“? „Vollverschleiert“ sind eher die Hirne derer, die die „Berliner Erklärung“ verabschiedeten. Aber anscheinend macht man sich auch andernorts Sorgen, um Verschleierung. Ebenso unverständlich. Wieso können die Leute nicht tragen, was sie wollen? Darf man dann eigentlich noch Motorrad oder Ski fahren? Dort ist man für gewöhnlich auch „vollverschleiert“.

2. Keine doppelte Staatsbürgerschaft mehr
Auch das ist etwas, was nun wirklich gar nicht gegen möglichen Terror helfen würde und sorgt nur für eines: das mögliche Entziehen doppelter Staatsbürgerschaft, um komplett willkürlich insbesondere unliebsame Bürger abschieben zu könne. „Was, Sie sind Deutscher und Tunesier? Nun, jetzt nicht mehr. Und jetzt verschwinden Sie besser nach Tunesien, wir wollen nämlich nur Deutsche hier!“ Staatsbürgerschaftsentzug wurde in Deutschland schon einmal umgesetzt und halbwegs Gebildete wissen, wann das war und wozu das führte. Der folgende Satz ist aber wirklich eine Wucht: „Wer sich für die Politik ausländischer Regierungen engagieren will, dem legen wir nahe, Deutschland zu verlassen.“ Zumindest laut dem Standard steht das tatsächlich in der „Berliner Erklärung“ der CDU und CSU. Dann sind wenigstens bald NSA und BND aus Deutschland raus. Die engagieren sich schließlich für die US-amerikanische Regierung.

3. Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht
Thomas de Maizière hat bestimmt Angst vor Ärzten, denn die sind ja anscheinend sein Lieblingsthema. Sie verhindern seine geliebten Abschiebungen, und so muss man ihnen einmal mächtig auf die Glocke hauen, damit sie sich auch systemkonform verhalten. So geht das ja nicht! „Eine Gesetzesänderung soll es Ärzten künftig erlauben, die Behörden über geplante Straftaten ihrer Patienten zu informieren“, schreibt der Standard. Fragen die Behörden dann an? „Nun, Herr Psychologe, der Herr …, der da bei Ihnen in Behandlung ist, der ist depressiv, richtig? Sie müssen uns das schon sagen, denken Sie an, na, Sie wissen schon, der Flugzeugabsturz. Ist er, ja? Ha, eine Straftat ist doch sicher schon geplant! Selbstmordabsichten? Wirklich? Dann will der doch sicher Leute mitnehmen. Mit einer Bombe, genau! Geplante Straftat.“
„‚Das Patientengeheimnis dient dem Schutz der Privatsphäre der Patienten und wird als Grundrecht durch die Verfassung geschützt‘, so der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery“, gibt der Standard wieder. Bitte, Herr Montgomery, setzen Sie sich weiter entschieden gegen diese Aufweichung ein! Sie haben meine volle Unterstützung!

In der „Berliner Erklärung“ steht noch eine ganze Menge mehr: mehr Polizisten einstellen (nachdem man die Zahl vorher drastisch reduzierte; woher kommt denn plötzlich das Geld?), Moscheen überwachen (werden dann auch Kirchen, Synagogen, Sikh-Tempel etc. überwacht?), mehr Abschiebungen, auch aus neuen Gründen, etwa der „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit“ (die bestimmt lieber nicht präzise definiert werden wird). Ich habe nie viel von CDU und CSU gehalten und noch viel weniger von deren Innenpolitik, aber ich empfinde nur noch Abscheu und mir fehlen die Worte, das weiter zu beschreiben.

 

Nachtrag (11.08.2016): Ich las heute Folgendes: „Nach heftiger Kritik vonseiten der Ärzteschaft relativierte de Maizière gestern diese Pläne. Die Schweigepflicht werde nicht aufgeweicht, mit Blick auf psychiatrische Auffälligkeiten soll im Dialog mit Ärzten aber eine Lösung gefunden werden, wie eine mögliche Gefährdung verringert werden könne. Wie das konkret funktionieren soll, ist unklar.“ Das klingt nicht gut, aber wenigstens besser. Ich bin gespannt, was der Innenminister sich nun mit seinem Haus und seinen Kollegen ausdenken wird, fürchte aber, dass es auch nichts allzu Gutes sein wird.

Mit Religion gegen Religion

KeomaNullZwei verfasste heute Morgen einen Tweet, der zum Denken anregt: „Auf einer Welt, wo Religion die Wurzel allen Übels ist. Warum ist da bei Katastrophen der Hashtag immer „PRAYfor…“?“ Die letzten Tage und Wochen fand man in der Tat Hashtags wie #PrayForNice, #PrayForTurkey, #PrayForSyria und noch einiges mehr. Heute Morgen wird mir nun angezeigt, dass rund 66.000 Tweets den Hashtag #PrayForJapan abgesetzt wurden.

Auch wenn Religion diesmal anscheinend nichts mit der Tat zu tun hatte, ist die Frage dennoch berechtigt. Wieso reagieren so viele Menschen angeblich mit einer religiösen Handlung, einem Gebet, auf Morde oder andere Verbrechen, die aus Religiosität begangen wurden? Und das mehrere hundert Jahre nach der Aufklärung. Und auch in Deutschland; einem Land, in dem rund ein Drittel der Bevölkerung konfessionslos ist und in dem nur fünf Prozent wöchentlich einen Gottesdienst besucht.

Der Hashtag stammt wahrscheinlich wieder aus den USA und dort ist die Anzahl religiöser Menschen, auch prozentual gesehen, deutlich höher. 55% der Bevölkerung bezeichnen sich als „sehr religiös“. Aber das ändert an der Frage nichts.

Man sieht, wie sehr Religion noch immer im Denken vieler verwurzelt ist. Ich persönlich käme nie auf die Idee, für die Toten eines Verbrechens zu beten, aber ich würde allgemein nicht beten. Ich bin auch nicht wirklich im Bilde, was die Gebete bewirken sollen. Sind sie überhaupt für die Toten und was bringen sie ihnen? Sind sie vielleicht für den Täter oder die Familien oder alle zusammen?

Der Ausdruck der eigenen Emotionen, wenn vorhanden, in einem Gebet mag für manche eine normale Reaktion sein. Wenn jemand gestorben ist, wird gebetet. Ginge man von diesem Punkt aus und würde logisch denken, kämen diese Leute aber gar nicht mehr aus dem Beten heraus, denn sicher sterben auf der Welt nahezu minütlich Menschen, Beachtung finden bei den Betenden aber nur die bei Katastrophen ums Leben gekommenden.

Ein anderer Grund mag sein, dass ein Gebet der einzige Weg scheint, den Betroffenen vielleicht irgendwie helfen zu können. Die Menschen in Nizza und in Sagamihara benötigen keine Care-Pakete und man muss auch nicht für sie sammeln, insbesondere nicht, wenn man wirklich den Toten helfen will. Auch Bomben scheinen ja nicht viel zu nützen, ganz im Gegenteil. #PrayForSyria war die Antwort auf ein Bombardement einer Gruppe Zivilisten in Syrien durch die US-amerikanische Luftwaffe selbst. Und wenn einem gar nichts mehr Weltliches einfällt, bleibt einem Gläubigen nur ein Gebet.

Natürlich wird das nicht viel ändern, insbesondere wenn die einzige Handlung einer Person ein Tweet mit einem der genannten Hashtags bleibt. Aber es beruhigt vielleicht einfach das Gewissen. Andere Leute, oder auch die gleichen, unterschreiben Online-Petitionen, die genauso wenig Aussicht auf Erfolg haben.

Diese Beruhigung des Gewissens ist der vielleicht einzige Sinn, den Religion heutzutage in der Welt der Wissenschaft noch hat. Religion muss, mit wenigen Ausnahmen, keine Herrscher mehr legitimieren. Religion muss, mit wenigen Ausnahmen, keine Naturereignisse mehr erklären. Religion muss nur noch die Menschen, auch gegen andere, zusammenhalten und das eigene Gewissen beruhigen. Und das sieht man nun auf beiden Seiten der Katastrophen. Die eine Seite sprengt sich, sich auf Religion berufend, in die Luft und nimmt eine ganze Reihe an Menschen mit. Dies wird als Martyrium bezeichnet; man spricht auch von einem heiligen Krieg. Man tritt zusammen unter der Flagge einer Religion geeint gegen andere auf. Und das letzten Endes nur aufgrund der Annahme, dass der eigene Glaube, der nicht bewiesen werden kann, der Richtige wäre. Die andere Seite tritt zusammen, zumindest vorgeblich, unter der Flagge einer anderen Religion auf und beweint die Tragödien. Die Andersgläubigen wären ja wahnsinnig, wie können diese so etwas tun? Für uns wäre das unvorstellbar.

Viele merken kaum, dass sie unter dieser Religionsstandarte stehen. Sie wollen nur Anteil nehmen oder haben und gehört werden. „Ich habe auch von der Katastrophe gehört, seht ihr?“ Sie nutzen den eigentlich religiösen Hashtag als Trittbrettfahrer und ignorieren die Bedeutung dahinter.

Im Grunde kann mir das alles gleich sein. Sollen die Leute doch auf ihre anscheinend noch immer tief in ihnen verwurzelten Religionen zurückgreifen. Aber das ändert ja nichts. Und wenn sich beide Seiten immer weiter in ihre Religionen zurückziehen, grenzen sie sich gleichzeitig immer weiter voneinander ab und graben sich in ihren Meinungen und Positionen ein.

Aus einigen Ländern hört man doch schon, dass man keine Muslime mehr einlassen möchte. Wer weiß, ob die sich nicht in die Luft sprengen würden? Oft sind das relativ streng christlich geprägte Länder. Und so entsteht langsam eine Spirale des Hasses, die es nun wirklich nicht auch noch braucht; beide Seiten versteifen sich immer mehr. Die Hashtags sind natürlich nur ein Ausdruck, ein Symptom, aber an ihnen kann man doch so einiges ablesen.

#VKritik – Kulturgeschichte Japans – Ankündigung zu Zitaten und Anekdoten

Wie ich bereits im Wintersemester mit den Anekdoten und Zitaten aus der „Japanische Landeskunde“-Vorlesung verfuhr, werde ich auch jetzt mit denen aus der Kulturgeschichte-Vorlesung vorgehen, wenn auch leicht verändert.

Während ich die Landeskunde-Anekdoten im Semester per Twitter verbreitete, habe ich mich aber dazu entschieden, dies diesmal in der vorlesungsfreien Zeit zu tun. Das hat den einfachen Grund, dass ich im Laufe des Semesters hier im Blog zu den Sitzungen schrieb und meine Aufzeichnungen auch in den Semesterferien verbreiten können möchte. In den letzten Semesterferien war nicht mehr allzu viel über, da ich tatsächlich fast jeden Tag des Wintersemesters etwas aus der Vorlesung mitteilte.

Über die Frequenz muss ich noch nachdenken, aber ich verspreche, dass ich zumindest morgen das erste Kulturgeschichte-Zitat veröffentlichen werde. Unter dem Hashtag #VKritik findet man nach wie vor die alten Anekdoten und darunter werde ich auch die neuen zum Besten geben. Auch die Tweets zum Podcast zum Projekt findet man unter diesem Hashtag. Wem das Projekt gefällt, der kann sicher auch über die Merkwürdigkeiten schmunzeln, die bisher nicht im Rahmen des Blogs bekannt wurden; wer selbst in der Vorlesung saß, wird sich bestimmt zumindest an das ein oder andere Zitat erinnern. Ich freue mich über Anmerkungen auf Twitter genauso wie über Anmerkungen hier.

Angesichts der Tatsache, dass die Vorlesungen in der letzten Woche endeten, gibt es hier im Blog die nächsten Wochen oder Monate voraussichtlich keine #VKritik, was der Tatsache geschuldet ist, dass einfach keine zu kritisierende Veranstaltung stattfindet. Ich hoffe, dass das einen Grund mehr darstellt, auch einmal bei Twitter vorbeizuschauen. Viel Spaß!

#VKritik – Kulturgeschichte Japans – Repräsentationen atomarer Katastrophen

Es ist nun, zugegeben, schon etwas her, dass die letzte Sitzung der Kulturgeschichte-Vorlesung abgehalten wurde, aber ich möchte den Inhalt dennoch niemandem vorenthalten. Sie wurde von Prof. Dr. G. und Dr. J. gehalten und ähnelte stark der Sitzung „Die ersten beiden großen literarischen Strömungen“. Ob die Nutzung eines Themas, das gerade einmal fünf Jahre alt ist, nämlich des Hukusima-Komplexes, Kulturgeschichte ist, kann natürlich bezweifelt werden. Im ersten Teil der Sitzung widmete man sich aber Hirosima und Nagasaki und kurz vor dem Ende sprach G. noch einmal die Anmerkungen der Evaluation an.

Wie immer gibt es erst einmal grundsätzliche Kritik zur Sitzung. Ich möchte ganz ehrlich sein: Nach den teils recht harten, aber durchaus zutreffenden Evaluationsanmerkungen hat sich doch etwas zum Positiven gewandt. Plötzlich war zu jedem Bild eine Quelle angegeben und auch für andere Dinge fanden sich zum Teil welche. Die Plagiatsvorwürfe in der Evaluation wies G. zwar „entschieden zurück“, aber hatte anscheinend doch ein schlechtes Gewissen, auch wenn sie ihr Plagiat nicht zugeben wollte. Es wurden auch heute wieder Makra verwandt und zum Teil fand man die Kanzi japanischer Worte nun sogar in Klammern hinter der Transkription. Dennoch lag gestaltungstechnisch noch immer einiges im Argen, was sich schnell hätte beheben lassen: es wurde eine ganze Reihe im Deutschen nicht genutzter Anführungszeichen verwandt, man fand oft Viertel- statt der meist richtigen Halbgeviertstriche, am Anfang der Stichpunkte wurde noch immer groß geschrieben. Wie immer wurden, fast ausschließlich von G., auch wieder eine ganze Reihe überflüssiger Anglizismen gebraucht, von denen „gebasht“ und „sie wird getriggert“ nur die übelsten darstellen.

Wer sich schon einmal mit dieser Vorlesung beschäftigte, weiß, was ihn in dieser Sitzung erwartete, ging es doch um Literatur und waren doch J. und G. die leitenden Dozenten: Autorenbiographien und Inhaltsangaben der Werke.

Immerhin die ersten zehn Minuten bestanden noch in sinnvollen Dingen. Es wurde von J. eine gute Einleitung zur Atombomben-Literatur (原爆文学) gegeben, worauf leider eine Definition folgte, die einem kaum etwas brachte und wie folgt lautete: „Es handelt sich um einen weitgefassten Sammelbegriff, der genreübergreifend die Werke von Zeitzeugen sowie nicht unmittelbar von den Atombombenabwürfen betroffenen Literaturschaffenden mit einschließt.“

Es folgte die vielleicht etwas missglückte Überschrift „Schwierigkeiten für die genbaku bungaku“ (ohne Kanzi), unter der aber grundlegende Dinge zu finden waren: Zensur durch die Besatzer, schwierige materielle und teils körperliche Bedingungen der Literaten, Widerstand der Hochliteraten und das „Problem einer angemessenen [‚]ästhetischen[‘] Umsetzung angesichts einer der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte im vergangenen Jahrhundert“.

Nach diesen zehn Minuten, die für diese einleitenden Worte gebraucht wurden, kam J. inhaltlich in den alten Trott, der bereits bekannt war und erwartet wurde. Unter der Überschrift „Werke der Atombombenliteratur“ (mit Kanzi dahinter, obgleich man kein japanisches Wort fand) wurden fünf Autoren mitsamt je einem Werk genannt und es wäre nicht die unnütze Vorlesung „Kulturgeschichte Japans“, wenn man sich nicht zu jedem der Autoren minutenlang Dinge anhören müsste, die er erlebt hat, und Inhaltsangaben eines jeden aufgeführten Werkes über sich ergehen lassen müsste. Was soll der Blödsinn? Unter anderem fand sich Kurihara Sadako (栗原貞子), von deren Gedicht „Hirosima to iu toki“ (ヒロシマというとき) auch zwei Strophen verlesen wurden.

Auch den Rest der ersten Hälfte der Sitzung wusste J. leider nicht besser zu nutzen, als mehr Biographien und Inhaltsangaben, nun zu thematisch passenden Manga, wiederzugeben. Sowohl aus „Hadasi no gen“ (はだしのゲン), als auch aus „Yuunagi no mati sakura no kuni“ (夕凪の街 桜の国) wurden auch Bilder gezeigt, die, nebeneinander gestellt ähnliche gleichen Szenen zeigend, die Unterschiedlichkeit darstellen sollten, was gelang und gefiel.

Auch der Abschluss J.s am Ende der ersten Hälfte war sehr gut. Es fand sich die „Bedeutung der Atombombenliteratur“, worunter sie drei Punkte fasste: „Verarbeitung des Geschehens und aufklärerische Funktion“, „[w]ichtiger Beitrag zur Entstehung einer engagierten Literatur im Japan der Nachkriegszeit“, sowie „[g]edächtnisbewahrende Funktion“. Danach wurde noch kurz vertiefende Literatur empfohlen, verwandte Literatur fand sich auch in dieser Sitzung nicht.

Nach ihrem Teil sah sich J. gezwungen, den Hörsaal zu verlassen, und G. machte mit ihrem Teil weiter: „Auseinandersetzung mit der Fukushima-Atomkatastrophe vom 11. März 2011 (3.11) in verschiedenen kulturellen Genres“ [sic!]. Wie oben schon angemerkt, ist ein fünf Jahre zurückliegendes Ereignis wohl kaum geschichtlich zu nennen, aber da G. meint, hiervon etwas zu wissen, musste es wohl untergebracht werden.

Auch G. begann mit einem allgemeinen Teil, den sie „Thematisierung“ nannte. Die ersten beiden von drei Punkten gaben tatsächlich gar nichts her. Sie lauteten: „In den verschiedenen Genres in unterschiedlich starkem Maße vertreten.“ und „Art der Auseinandersetzung unterscheidet sich in den verschiedenen Genres.“ (jeweils tatsächlich mit Punkten). Dass etwas in einem Horror-Film anders als in einer Komödie dargestellt wird, ist ungefähr so sinnvoll zu betonen wie der Einfluss J.R.R. Tolkiens auf seine eigenen Werke, denn beides sollte jedem durchaus bekannt sein. Tatsächlich aber meinte G. mit dem Begriff „Genre“ überhaupt nicht das damit eigentlich Bezeichnete, sondern bezog sich auf verschiedene Medien, was sich nach dieser Einleitung aufgrund der folgenden Worte herausstellte: „Kommen wir zum ersten Genre, dem Manga.“ Darauf folgten dann auch noch das „Genre terebi dorama“ und das „Genre Kinofilm“; beides Medien.

Ich fasse die drei Teile einmal zusammen, denn die Darstellung dieser unterschied sich nicht voneinander. Sie stellte zwei Manga, ein Fernsehdrama und einen Kinofilm vor und musste natürlich den gesamten Inhalt wiedergeben. Ferner sprach sie auf ihren Folien auch von „zahlreichen Dokumentarfilmen“, davon hörte man aber gar nichts.

Die nächsten Folien zur (Na, ratet mal! Genau!) Literatur waren von der Gestaltung her ein einziges Durcheinander. Wie man das auf die Reihe bekommen hat, halte ich für eine berechtigte Frage. Schaut sich das denn keiner mehr an, bevor G. damit in die Vorlesung kommt? Inhaltlich ging es erst einmal um die Gedichte des Herrn Wagou Ryouiti (和合亮一), deren Quelle, auch für die japanischen Texte, angeblich „Übersetzung: Kristina Iwata-Weickgenannt“darstellte. Es schloss sich dann noch „Prosaliteratur – Werke von drei Autorinnen“ an, deren Geschlecht besonders hervorgehoben werden musste, da es sich um Frauen handelt. Auch hier wurde die Zeit wieder mithilfe von Inhaltsangaben, aber immerhin auch einiger Textauszüge totgeschlagen.

Das abschließende Fazit war halbwegs gelungen, aber G. schaffte es damit auch, die Legitimation des Themas in einer Kulturgeschichte-Vorlesung selbst anzuzweifeln, schrieb sie doch: „Eine abschließende Einschätzung der kulturellen Repräsentationen von „Fukushima“ ist im Jahr 2016 noch nicht möglich.“ Kann es dann schon Kulturgeschichte darstellen? Daran schloss sich aber noch ein weiterer Lacher an, denn „[e]s besteht weiterhin Forschungsbedarf!“ Ausrufezeichen!

Zum Schluss ging G. noch ein paar Minuten auf die offizielle Evaluation ein, denn sie meinte, dass man das machen müsse. Alles, was sie sagte, ließ sich als „Wir machen das so und haben Recht damit!“ lesen und ihre Verteidigung in Angriffshaltung begann schon damit, dass sie sagte, das die Vorlesung verschiedene Zielgruppen habe und nicht für sich allein stehe. Wem die Themen nicht gefallen, der solle doch die Universität wechseln, denn die Vorlesung solle „die ganze japanologische Forschung“ der Universität Trier repräsentieren. Mit Verlaub, Frau G., das bedeutet, dass alles, was ich hier lerne, auch in anderen Veranstaltungen behandelt wird, richtig? Dann nennen Sie mir bitte einen Grund, wieso man weiter an dieser damit überflüssig gewordenen Veranstaltung festhält.

Ferner arbeite man mit „repräsentativen Beispielen, da man sich nicht dreihundert Namen merken kann“. Da spricht ja auch überhaupt nichts gegen, anderweitig ließe sich die Vorlesung auch nicht bewältigen. Aber ich fürchte, dass das auch niemand als Kritikpunkt sah. Zu bemängeln sind die Inhaltsangaben und Biographien, die die Hälfte der gesamten Vorlesung ausmachten, aber komplett irrelevant sind.

Wie schon geschrieben, wies G. ein Plagiat „entschieden zurück“. Es fehlten Quellen, aber sie hätte stets Literatur mit den Folien hochgeladen. Für Bilder galt das nicht, Frau G., und Sie waren auch nicht die einzige Dozentin, richtig? Außerdem ist die Ausrede, dass sie bei der Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten immer alle Quellen nennen würden, äußerst schlecht, denn hier geht es um die Vorlesung. Wenn eine Sportmannschaft verliert, da ein Torwart sich schlafen gelegt hat, wäre es für ihn auch keine Entschuldigung, wenn er sagen würde, dass er das sonst nie mache. Die Aussage, dass das alles „natürlich nicht [heiße], dass man in Hausarbeiten schludrig sein dürfe“, ist somit wirklich nur frech.

Dass die Kritik an der Menge der Dozenten und den Fomatierungsfehlern sie nur zum Schmunzeln brachte, freut mich zwar, da G. anscheinend beim Lesen der Evaluation eine schöne Zeit hatte, andererseits macht mich das sehr traurig, denn es spricht nicht für das Einsehen ihrer Fehler.

Da G. die harte Evaluation auch noch kritisierte, da man ja an den jungen V. denken müsse, auf den Kritik ja zurückfiele und ihm unter Umständen schaden würde, ist auch ziemlich dreist. Wenn etwas schlecht ist, dann nenne ich es auch schlecht. Wenn Plagiat vorliegt, nenne ich es Plagiat, und die Verantwortlichen sind nun einmal die leitenden Dozenten. Sie haben dies zu verantworten und ich bin nicht bereit, irgendeine Schuld auf mich zu nehmen und hoffe, dass das auch für alle anderen kritischen Stimmen gilt. Ihr gebt nur wieder, was ihr saht. Wenn die Dozenten Mist bauen, dann ist das allein deren Schuld.

Diese letzten fünf Minuten waren maßlos enttäuschend. Man fragt sich, ob das Projekt #VKritik noch irgendeinen Sinn hat. Die verflucht schlechte Veranstaltung wurde in der Evaluation im Großen und Ganzen relativ gut bewertet und sämtliche Kritik wird ignoriert oder abgetan. Die Studenten sind nicht bereit, Fehler zu sehen, die Dozenten noch viel weniger. #VKritik läuft nun ein Jahr lang und ich hatte viel damit zu tun. Man hat die Sitzungen vorzubereiten, ich schreibe dazu, ich twittere dazu und Michael und ich nehmen sogar einen Podcast dazu auf, der von ihm bearbeitet wird. #VKritik ist nichts, was man einfach nebenher schafft. Es frisst Zeit und Kraft, doch ich dachte immer, dass es ja einen Sinn hätte. Ich zweifle immer mehr daran, v.a. da ich nun von den Prüfungsaufgaben der Klausur zu dieser Vorlesung erfuhr. Wir machten uns schon vorher darüber lustig, was G. und J. bloß für Fragen stellen könnten. Viel mehr als „Nennen Sie den Autoren von [Werk] und geben Sie den Inhalt wieder“ fiel uns nicht ein. Und den Dozenten anscheinend auch nicht, denn in einer Aufgabe sollte man wohl zwei japanische Träger des Nobelpreises für Literatur nennen und das Schaffen eines davon charakterisieren und die andere Aufgabe war sogar noch absurder und lautete in etwa, dass man den Regisseur des Films „Rasyoumon“ nennen und den Inhalt wiedergeben solle. Was soll das denn? Und das ist auch die Frage, die ich mir in Bezug auf #VKritik stelle. Was soll die ganze Arbeit für anscheinend nichts?

Selbstreflexion

Es ist Mittwoch und alle erwarten einen neuen #VKritik-Eintrag hier im Blog. Aber ich muss enttäuschen und sicher auch viele überraschen, und will mich einem Thema widmen, das für mich deutlich wichtiger ist, für alle anderen aber wohl, zugegeben, nicht so sehr: mich.

In letzter Zeit komme ich nach der Uni oder nach der Arbeit ziemlich müde und erschöpft nach Hause. Insbesondere die Uni besteht für mich fast nur noch darin, dass ich mich aufrege, und in meinen Augen ist diese Aufregung auch begründet. Von den Veranstaltungen der Japanologie braucht man, verfolgt man das #VKritik-Projekt, gar nicht mehr reden, und auch von DaF will ich lieber schweigen. Es sind schon kleine Dinge, die mich ärgern und in die ich mich hineinsteigere. Ich ärgere mich dann nicht nur über diese Dinge, sondern auch über die Leute, die etwas damit zu tun haben, die Leute, die diese Dinge nicht bemerken oder ignorieren.

Und das ist nicht nur auf die Uni beschränkt. Ich bin immer hungrig auf Neuigkeiten, vor allem aus der Politik. Ich lechze nach Nachrichten und schaue jede Stunde oder häufiger in einen meiner Nachrichtenkanäle. Und dann rege ich mich wieder auf und werde sauer. Vielleicht ist es mittlerweile soweit, dass ich etwas lese, damit ich sauer werde? Ich denke nicht, aber möglicherweise kann ich das auch nur gar nicht mehr einschätzen.

Die Nachrichten sind aber ein äußerst wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich beginne den Morgen unter anderem mit Fefes Blog, Twitter und dem Standard und schließe den Tag auch damit ab. Ich weiß nicht, wie oft ich am Tag auch nur diese Seiten, lasse ich mal alles andere, sei es die BPK, der Aufwachen-Podcast oder anderes, hier raus, besuche. Wie einem Alkoholsüchtigen ist mir lange nicht wirklich aufgefallen, wie sehr ich daran hänge. Und wie einen Alkoholsüchtigen macht mich das alles kaputt.

Die Welt besteht für mich fast nur noch aus Aufregung. Aufregung über das verkrüppelte Deutsch, welches so viele Menschen nur noch von sich geben. Aufregung über die ständige und fortschreitende Einschränkung sämtlicher Freiheiten, die man in Deutschland und Europa hat. Aufregung über einseitige Berichterstattung. Aufregung über Manipulation gleich welcher Art. Aufregung über Leute, die nichts hinterfragen, auch nicht das, was sie tun.

Fefes Blog ist wichtig und es ist großartig, dass es ihn gibt, aber ich stelle fest, dass all das, was auf der Welt passiert und was man dort findet, einen Menschen zerstört, der dies alles liest, erfährt und durchdenkt. So vieles läuft falsch und obwohl doch alle Menschen dies bemängeln und sich dagegen wehren müssten, tut es kaum einer.

Das fängt schon in sehr kleinem Rahmen an. Ich begann das Projekt #VKritik auch, da niemand gegen den Unsinn aufbegehrte, der in der Japanologie der Universität Trier geschieht. Ich blieb fast der einzige, der etwas sagte und scharfe Kritik äußerte und das nicht nur im Rahmen des Projektes. Aber im Großen und Ganzen verhallte all das ungehört und ich stieß auf wenig Gegenliebe.

Ich habe mir immer gesagt, dass ich es trotzdem tun will. Wenn ich nichts sage, sagt keiner etwas. Und wenn keiner etwas sagt, dann ändert sich auch nichts. Ich habe ein paar Leute beeinflusst, sich zu äußern. Ich habe tatsächlich ein paar Menschen dazu gebracht, nicht alles unreflektiert aufzunehmen und am Ende wiederzugeben.

Aber die Aufgabe ist selbst in diesem kleinen Rahmen zu groß und wenn ich an die Uni komme und man mir sagt, dass man sich auf die uralten Zahlen aus der Vorlesung für ein eigenes Referat stütze oder dass es einen nicht interessiere, ob Quellen angegeben sind, fühlt es sich an, als täte ich das alles umsonst. All die Arbeit und die investierte Zeit scheint vergeudet. Und dann hört man abends in einem Kurs zu Medien die Aussage einer Kommilitonin, dass sie sich nur die „Tagesschau in 100 Sekunden“ anschaue und sich dann informiert fühle.

„Das System“ ist ein Begriff, den ich nicht sonderlich mag. „Das System“ ist das, was Kritiker angreifen, wenn sie einen kompletten Umsturz herbeisehnen. Aber das System ist alles, die Berichterstattung und das Verhalten der Konsumenten, die Uni und die Kurse dort und das Verhalten der Studenten, die deutsche Sprache und ihre Veränderung. Und dieses System hat mich anscheinend irgendwie besiegt.

Ich schaffe es nicht mehr, mich immer zur Wehr zu setzen, wenn mir etwas nicht passt. Ich habe nicht mehr die Kraft, mich offen zu beschweren. Ich habe nicht mehr die Energie, Fehler zu korrigieren. Das heißt nicht, dass ich mich beugen werde, dass ich nun Denglisch sprechen werde, dass ich hinnehme, was man mir sagt, auch wenn es offensichtlich falsch ist. Aber ich kann mich nicht mehr ständig äußern, weil es mich kaputt macht.

Ich muss, zumindest vorläufig, einen anderen Weg gehen. Ich habe versucht, zu verhindern, oft nur in meinem sehr kleinen Rahmen und Umfeld, dass die deutsche Sprache immer mehr leidet, dass Menschen ihren Verstand nicht nutzen, und dass sie den vorgegeben Meinungen glauben. Aber da es für mich nicht gut zu sein scheint, das weiterhin zu tun, werde ich damit aufhören müssen. Ich werde mich weiterhin gegen all dies wehren, aber nur für mich. Andere müssen sich um sich selbst kümmern, ich schaffe das nicht mehr. Wer nicht denken will, hat dann eben Pech gehabt. Und auf den, der nicht richtig sprechen will, wird für immer von mir herabgeschaut werden. Lernt denken, lernt sprechen! Ich kann es keinem mehr beibringen.

Das zieht natürlich einige Konsequenzen nach sich, die ich selbst sehr bedaure. Ich werde mein Leben für die nächste Zeit umstellen, vielleicht für immer, aber erst einmal nur für einige Wochen. Die BPK und der Aufwachen-Podcast werden erst einmal ignoriert, die weitere Nachrichtenaufnahme deutlich eingeschränkt. Vielleicht werde ich dadurch auch wieder etwas umgänglicher. Auch der Blog wird erst einmal ruhen, denke ich. Vielleicht liefere ich hier noch den eigentlich ausstehenden #VKritik-Eintrag nach, vielleicht auch nicht. Denn dass ich diesen Beitrag anstatt der #VKritik schreibe, hat seine Gründe. Ob ich noch allzu viel twittern werde, weiß ich noch nicht und es tut mir Leid, dass ich trotz der Ankündigung so wohl die gesammelten Zitate aus der „Kulturgeschichte Japans“-Vorlesung zumindest noch nicht veröffentlichen kann.

Ich bin selbst nicht sicher, und wie könnte ich auch, ob mir diese Veränderungen helfen werden. Ich hoffe es und vielleicht wird die Zeit kommen, in der ich mich auch wieder äußern kann und werde. Aber ich habe auch noch eine ganze Menge anderer Dinge zu tun. Meine Bachelor-Arbeit ist seit einiger Zeit in Vorbereitung und wird bald zu schreiben begonnen und es gibt noch einiges mehr. Ich ziehe mich also erst einmal in die Defensive zurück und mache eine Pause. Vielleicht schaffen es ja einige auch ohne Hilfe, zu denken. Ich schaffe es. Und hoffe es sehr für andere.